Bei gewissen Dingen sollten auch die heftigsten Kontroversen nach jener Art ausgetragen werden, von der Hölderlin sagt, sie sei "wie der Zwist der Liebenden: Versöhnung ist mitten im Streit". Die Erfahrung zeigt aber, daß diese Regel am schwersten dort einzuhalten ist, wo es um den Glauben geht. Wie oft sind gerade Meinungsverschiedenheiten unter Theologen in Zänkereien versandet, und nicht besser erging es bei so vielen Diskussionen zwischen den Anhängern eines "wissenschaftlichen Weltbildes" und denen der christlichen Religion.

Liest man das jetzt in einem Bande zusammengestellte Streitgespräch, das vor kurzem einer unserer bedeutendsten Philosophen mit einen unserer führenden Neutestamentler austrug:

Karl Jaspers / Rudolf Bultmann, "Die Frage der Entmythologisierung" (R. Piper & Co., München, 119 S. Leinen 7,80 DM),

so meint man an manchen Stellen, die Schwelle des sachlichen Gesprächs sei erreicht, und die grobianische Polemik werde gleich anfangen. Jedoch unmittelbar vor der Grenze halten die Kämpfenden ein, und zwar, was das Schöne ist, nicht aus schlaffer Courtoisie, sondern weil beiden doch in der fast verdeckten Mitte ihres Zwistes etwas Unverletzliches spürbar bleibt – das, was wir mit der Redewendung vom "Sitzen in einem Boot" auszudrücken pflegen. "Konventionelle Höflichkeit und unpersönliche Sachlichkeit hören auf, wo einem ernst zumute ist", sagt Jaspers und leitet mit diesen Worten eine Wendung ins Persönliche ein – aber in diesem Persönlichen wird das Gespräch trotz aller Schärfe doch schließlich versöhnlich, und Bultmann, der hart Angegriffene, kann am Ende seiner Freude Ausdruck geben, daß er bei Jaspers einen "Willen zur Kommunikation begegnet" sei.

Die Frage, um die es in dem Streit ging – eben die Frage der "Entmythologisierung" –, ist dem, der noch nichts von der lebhaften Unruhe vernommen hat, die sie in protestantisch-kirchlichen Kreisen und weit darüber hinaus erregt, vielleicht an besten durch das Persönliche in diesem Streitgespräch näherzubringen. Jaspers erzählt nämlich seinem – wahrscheinlich recht überraschten – Gegner, daß er für diesen eine Neigung gehabt hat, seit "ich Sie auf dem Schulhof des Oldenburger Gymnasiums sah (Sie waren einige Jahre jünger als ich), mich nicht getraute, mit Ihnen eine Beziehung zu suchen, Ihre leuchtenden Augen sah und mich Ihres Daseins freute." Um so größer, fährt er fort, sei seine Betroffenheit gewesen, als Bultmann dann später, in den zwanziger Jahren, bei einem Besuch in Heidelberg nach einem glänzenden Vortrag über neutestamentliche Wissenschaft auf die theologischen Laienfragen des Philosopher. Jaspers die Antworten schuldig geblieben sei. "In der Diskussion mit Theologen hört es an entscheidenden Punkten auf; sie verstummen, reden von etwas anderem, behaupten etwas bedingungslos, reden freundlich und gut zu, ohne wirklich vergegenwärtigt zu haben, was man vorher gesagt hat – und haben wohl am Ende kein eigentliches Interesse..." So hat Jaspers später in seiner Schrift "Philosophischer Glaube" vermerkt; doch jetzt erst teilt er Bultmann mit, daß die Worte eben auf ihn gemünzt gewesen seien. Und gerade damit ist er beim Kern der Sache.

Denn was hat es mit Bultmanns Forderung, die christliche Verkündung müsse "entmythologisiert" werden, in Wirklichkeit auf sich? In Bultmanns so wichtigen Forschungen zur Entstehung und zum Inhalt des Neuen Testaments ist eine über hundertjährige wissenschaftliche Arbeit zum einstweiligen Abschluß gekommen: die Bibelkritik. Sie untersucht die Aussagen der heiligen Schriften nach philologischen und historischen Methoden und interpretiert sie – das ist ihre Funktion innerhalb der Wissenschaft – wie jeden anderen Text auch, also als ein Schriftwerk von Menschen einer bestimmten Zeit, zu verstehen aus den spezifischen Auffassungen eben dieser Zeit. Aber Bultmann zieht nicht die Konsequenz, die die liberalen Bibelkritiker (seit David Friedrich Strauß) zogen: daß die Bibel nur Menschenwerk und daß ihre Auffassung als Buch der Offenbarung mit dem modernen Denken nicht zu vereinbaren sei, sondern er gibt umgekehrt zwar die meisten Wunderberichte (die Heilungen, die Prophezeiungen, die Erscheinungen des Auferstandenen) als "Mythen" der Kritik durch das moderne, rationale Denken preis und reduziert die Offenbarung auf einen Kern, der unbedingt und gegen alle rein rationale Erwägungen geglaubt werden muß: die Kunde, daß Gott Fleisch geworden ist. Glauben oder Nichtglauben an diese Kunde ist, wie Bultmann seine Schüler – eine ganze Pfarrergeneration lehrt, eine absolute "Entscheidung", die nur unmittelbar aus der "Existenz" jedes einzelnen Menschen getroffen werden kann.

Dadurch macht Bultmann, wie Jaspers zeigt, eine Diskussion unmöglich. Denn auf der einen Seite verwirft er fast alles, was die Christen aller Zeiten gläubig hingenommen haben, als "Mythos", dem keinerlei religiöse Wahrheit zukomme; auf der anderen aber verlangt er, daß man ihm, dem Theologieprofessor Rudolf Bultmann, seine Interpretation des Glaubens als eines absoluten Entweder-Oder bedingungslos glaubt. Da er eine starke und rigorose Persönlichkeit ist, hat diese Reduktion etwas Imposantes. "Ich sah Sie wie einen unerschütterlichen Granitblock", sagt Jaspers. Aber mit einem Granitblock gibt es keine Kommunikation.