Der Dritte Bundeskongreß der Gewerkschaften – oder das "Parlament der Arbeit", wie in goldenen Lettern an der Wand der Frankfurter Kongreßhalle zu lesen war – hat gewählt; von 384 Delegierten bestätigten 241 den bisherigen ersten Vorsitzenden, Walter Freitag, in seinem Amte. Nicht weniger als 143 gaben weiße Zettel ab – eine beachtliche Opposition, die diesmal noch auf die Benennung eines Gegenkandidaten verzichtet hatte. Ein starkes Drittel also, das man mit dem "radikalen Flügel" des DGB, mit der von Otto Brenner vertretenen Gewerkschaft Metall und einem Teil der Gewerkschaft öffentliche Dienste identifizieren kann, hat dem ersten Manne der Gewerkschaften das Vertrauen entzogen...

Walter Freitag gilt heute als der Repräsentant des gemäßigten Flügels. Als er vor zwei Jahren zum Nachfolger des noch gemäßigteren Christian Fette gewählt wurde, sah man in ihm den Führer der Radikalen. Wie ist diese Wandlung zu erklären? Hat sich Freitag geändert, oder sind die Gewerkschaften insgesamt radikaler geworden? Nun, Freitag ist sich treu geblieben. Mit seinem Namen verbindet sich der Grundsatz engster Zusammenarbeit von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsführung. Als er Christian Fette ablöste, war damit der DGB in der Tat von einer relativ überparteilichen Linie auf die Parteilinie eingeschwenkt. Heute sieht es so aus, als stehe eine starke Minderheit der DGB-Funktionäre bereits links von der SPD, mindestens in der Frage des Wehrbeitrages.

Der 65jährige Walter Freitag ist seit 47 Jahren Gewerkschaftler, seit 46 Jahren Sozialdemokrat, seit 35 Jahren hauptamtlicher Funktionär des Metallarbeiterverbandes, dessen Bezirkssekretär in Hagen er von 1920 bis 1933 war. 1932 wurde er in den Preußischen Landtag gewählt. Die Jahre 1933/34 verbrachte er in den Konzentrationslagern Neusystrum und Lichtenburg, danach war er erwerbslos; erst im Kriege bot ihm der Dortmund-Hoerder Hüttenverein einen Arbeitsplatz. 1945 widmete er sich dem Wiederaufbau der Industriegewerkschaft Metall und wurde deren erster Vorsitzender, zunächst in der britischen Zone, dann in den drei Westzonen. In der gleichen Zeit wurde er zum Landrat des Ennepe-Ruhrkreises, zum Landtagsabgeordneten (1947) und zum Bundestagsabgeordneten (1949) gewählt.

Solidarität beinahe solid

Er ist weder ein mitreißender Redner noch ein routinierter Verhandlungsführer. Seine beiden Stellvertreter Matthias Föcher und Georg Reuter übertreffen ihn in diesen beiden Künsten. Freitags Führung ruht auf ganz anderer Grundlage. Es sind seine wuchtigen Hände (erlernter Beruf; Werkzeugdreher), sparsamen Gesten, väterlich-begütigenden Anreden (keine Titel, dafür Vornamen), die seine Autorität trotz aller Kritik der jüngeren Intellektuellen sichern. In seinem Munde klingt das gewerkschaftliche Losungswort Solidarität’ so, daß man es unmittelbar von "solide" ableiten möchte.

Mancherlei Kritik mußte der alte, zuletzt dennoch vollzählig wiedergewählte Bundesvorstand von den 391 Delegierten (52 Prozent hauptamtliche Funktionäre) hinnehmen: an dem Schlichtungsabkommen, das er am 7. September mit den Arbeitgebern abgeschlossen, an der nach Meinung der Brenner-Leute ungenügenden Aktivität zur Durchsetzung der 40-Stunden-Woche, an der nach ihrer Meinung noch zu nachgiebigen Haltung in der Frage der Remilitarisierung und schließlich selbst daran, daß er am ersten Kongreßtag vom deutschen Bundespräsidenten die Belehrung hinnahm, das Streikrecht sei nur ein "Schwert an der Wand", mit dem man nicht unnütz spielen solle. Brenner, der hier Professor Heuss kritisierte und dafür von Freitag getadelt wurde, empfand gerade jenes Gleichnis als eine Art Dolchstoß in den Rücken der jüngsten Streikbewegung: er empfand auch – und das nicht mit Unrecht – die Tatsache, daß zum ersten Male ein deutsches Staatsoberhaupt auf einem Gewerkschaftskongreß sprach, als eine vom Bundespräsidenten selbst zwar unbeabsichtigte, aber um so wirkungsvollere Wahlhilfe für den alten Bundesvorstand. In der Tat hat dieser Prestigeerfolg Freitags Position ganz wesentlich gestärkt.

Brenner rächte sich durch geschicktes Taktieren in der Frage des Wehrbeitrages. Am 26. September hatte die Dritte Bundesjugendkonferenz der Gewerkschaften – ein Organ des DGB, das bisher offiziell eine recht schwache Stellung gegenüber dem Bundeskongreß hatte und das erst jetzt durch einen satzungsändernden Beschluß das Recht erhielt, Anträge einzubringen – in Düsseldorf einstimmig beschlossen: "Die Delegierten der Dritten