Mit dem japanischen und dem türkischen Volke verbindet uns nicht nur eine politische Freundschaft. Seit langem bestehen enge kulturelle Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern und unserem Lande. Deutsche Wissenschaftler, Ärzte, Techniker haben jahrzehntelang in Japan und in der Türkei gewirkt; Tausende japanischer und türkischer Stückofen haben an unsereren Universitäten und Technischen Hochschulen studiert und sind Freunde unseres Landes geworden.

Dieser Kontakt aus gemeinsamen Erinnerungen und Erfahrungen gab den Besuchen aus den beiden Ländern in Bonn eine die konventionellen Formen solcher Staatsbesuche nuancierende, gefühlsbetonte Note, die noch in den Kommuniqués nachklang. Die Staatsbesuche fanden in einem politisch bedeutsamen Zeitpunkte statt. Die türkischen Gäste: Ministerpräsident Menderes, Außenminister Köprülü und ihre Begleiter, zu denen auch Journalisten gehörten, wie es auch bei der Reise des Bundeskanzlers in die Türkei auf deutscher Seite der Fall war, kamen nach Bonn, unmittelbar nach der Londoner Konferenz. Der Besuch des japanischen Ministerpräsidenten Yoshida, der von Abgeordneten des japanischen Reichstages und mehreren hohen Beamten begleitet war, erfolgte kurz darauf. Die Türkei, der in der politischen Konzeption des Westens eine so wichtige Rolle zugedacht ist, gab durch ihren Ministerpräsidenten in Bonn zu erkennen, daß sie ihren Beitritt zum Brüssseler Pakt und damit eine noch engere Bindung an die Länder der freien Welt ernstlich erwäge.

Die türkischen Gäste waren an Wirtschaftsfragen stark interessiert. Man kam überein, bei den kommenden Wirtschaftsverhandlungen in Ankara die Voraussetzungen für eine Beteiligung der deutschen Industrie an türkischen Investitionen, "unmittelbar oder im Zusammenwirken mit türkischem Kapital", Zu schaffen. Es ist vor allem an eine Beteiligung unserer Industrie an der Verkehrserschließung in der Türkei gedacht, also an Bahn- und Hafenbauten, an die Lieferung von Lokomotiven, Eisenbahnwagen und dergleichen. Es wird freilich nicht leicht sein, die diesen Plänen entgegenstehenden Zahlungsschwierigkeiten zu überwinden. Die Schuld der Türkei an die Länder der EZU beträgt zur Zeit etwa 225 Millionen Dollar, die an Länder außerhalb der EZU ungefähr 140 Millionen Dollar. Auch die Transferrückstände an die Bundesrepublik sind beträchtlich. Angesichts der angespannten Lage des deutschen Kapitalmarktes zögern die deutschen Finanziers, sich an Transaktionen zu beteiligen, bei denen vermutlich schon die Transferierung der Zinsen und noch mehr die der Armortisationsquoten in Frage gestellt wäre. Eine Ausdehnung des deutsch-türkischen Geschäfts ließe sich wohl nur mit Hilfe eines Kreditplafonds ermöglichen. Seiner eventuellen Abstützung durch Bundesbürgschaften wären freilich enge Grenzen gezogen. Im August vorigen Jahres wurde in Ankara eine langfristige Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei auf dem Getreidegebiete (hauptsächlich Weizen) verabredet. Die Mißernte in diesem Jahr macht der Türkei Weizenlieferungen in dem vorgesehenen Umfange unmöglich, wodurch die Kreditsituation weiter erschwert wird. Aber an zuständigen Stellen in Bonn ist man überzeugt davon, daß die Türkei, wenn sie nur erst einmal eine ausreichende Investitionshilfe erhielte, die sie zu einem Weizenanbauland mit modernen Produktionsmethoden machen würde (Silos, Reinigungsmaschinen usw), verhältnismäßig bald in der Lage wäre, nicht nur ihre bisherigen finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen, sondern in einem weit größeren Ausmaß ein Handelspartner zu werden.

In den deutsch-japanischen Besprechungen kam es schon deshalb nicht zu Wirtschaftsverhandlungen, weil zur Zeit eine deutsch-japanische Kommission in Tokio über eine Erweiterung des deutschjapanischen Handelsverkehrs berät. Die deutsche Einfuhr aus Japan ist gering. Immerhin stieg sie im Jahre 1953 auf etwa 122 Millionen DM, gegenüber 75.5 Millionen im Jahre 1952, die deutsche Ausfuhr nach Japan auf 158,6 Millionen, gegenüber 92.6 Millionen im Jahre 1952. Eine Ausdehnung des gegenseitigen Warenverkehrs wird durch die ähnliche wirtschaftliche Struktur der beiden Länder erschwert. Als Mandschukuo zum japanischen Währungsgebiet gehörte, konnte Deutschland viel mehr aus Japan importieren als heute, und es hatte dadurch auch größere Exportmöglichkeiten in das japanische Wirtschaftsgebiet. Zu den Hauptposten unseres Imports aus Japan gehören Walöl, Ölkuchen, Rohseide, zu den wichtigsten Posten unserer Ausfuhr nach Japan Bier, Zink, eine Reihe chemischer Vorerzeugnisse, Stab- und Formeisen, Maschinen, Kraftfahrzeuge. Stark differenzierte Volkswirtschaften bieten sich bekanntlich auch im gleichen Produktionsbereich, oft gegenseitig Verkaufsmöglichkeiten. So wurden auch japanische Maschinen nach Westdeutschland eingeführt. Mit Interesse erkundigte sich der japanische Ministerpräsident bei seinen Gesprächen in Bonn über wirtschafts- und finanzpolitische Probleme, durch die manche der Grundlagen für den Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft geschaffen wurden, wie die steuerliche Begünstigung für die Selbstfinanzierung und andere ähnliche Fragen. Robert Strobel