Seit jener erschrockenen Vision Goethes, in der der Dichter der "Wanderjahre", bereits ergriffen von der Unruhe der beginnenden Industrialisierungsepoche, die Maschine als Herrin einer neu heraufkommenden Welt voraussah, ist das Thema "Mensch und Technik" nicht mehr zur Ruhe gekommen. In dem besonders nach dem ersten Weltkrieg zu einer unübersehbaren Flut von Publikationen anschwellenden Chor der Stimmen ist wohl kein irgendwie möglicher Aspekt unbeachtet geblieben, es sei denn der oder anders die Einsicht, daß die aus der immer radikaleren Mechanisierung sich ergebenden menschlichen Probleme nicht einseitig gegen die Technik oder gegen den Menschen, sondern nur im Sinne einer "dialektischen" Bezogenheit nach beiden Seiten zu lösen sind. In der Tat kann man die seit Goethes Tagen um dieses bewegende Thema der modernen Zeit aufbegehrenden Auseinandersetzungen auf die, freilich vereinfachende, Formel bringen, daß sich in ihr "Humanisten" und "Realisten", die einen die sachlichen, die anderen die menschlichen Gegebenheiten verzerrend, in einseitiger Frontstellung gegenüberstanden. Auch heute noch erweist es sich als der schwersten Mühen eine, Männer des Geistes (oder besser eines falsch verstandenen Geistes), die aus den "Drangsalen" der industrialisierten Arbeitswelt ihre Zuflucht in der Muße der reinen Betrachtung suchen, mit Männern der sogenannten "Praxis" in ein Gespräch zu bringen, die, pochend auf die Sprache der "nüchternen Tatsachen", dem Anruf des Geistes als "graue Theorie" spotten zu müssen glauben.

Diese Situation, die also – im immer noch beherrschenden Eindruck jedenfalls – gekennzeichnet ist durch eine verhängnisvolle Auftrennung von Geist und Leben, gibt dem Buch von

Heinrich Weinstock, "Arbeit und Bildung, die Rolle der Arbeit im Prozeß um unsere Menschwerdung" (Quelle u. Meyer, Heidelberg, 166 S., geb. 11 DM)

besonderen Rang, das sich, ausgerüstet mit dem Bildungsrüstzeug des überzeugten Humanisten und dem Tatsachenwissen des die Technik ernst nehmenden Zeitgenossen, zwischen die Parteien wirft und nach beiden Seiten fechtend eine Synthese versucht. Der Verfasser, bereits bekannt durch sein Buch "Die Tragödie des Humanismus", geht zwar von der These ans, daß die "wichtigste Kunde in Sachen der Arbeit doch den arbeitenden Menschen betrifft"; aber dieses Bekenntnis des zünftigen Humanisten wird von der anderen Seite durch die Gegenthese begrenzt, daß, "wer über Sachen redet, sich vorher um Sachkunde bemüht haben muß" und der ein Tor sei, der, nachdem der Weg zur "Umbildung mechanischer in handwerkliche Arbeit endgültig verschlossen" sei, "den Maschinensturm der industriellen Frühzeit auch nur in Gedanken wiederholen wolle... Wir haben die Mechanisierung aufrichtig als unser Schicksal zu bejahen, sie aber, wie jedes Schicksal, uns menschlich anzueignen."

Innerhalb dieser so abgesteckten Horizonte – der Verfasser selbst spricht von einem "realen" Humanismus (im Gegensatz zum "idealen" und "absoluten" Humanismus) – entwickelt Weinstock über eine "Historische Ergründung" (die Arbeit in der Auffassung der einzelnen geschichtlichen Zeiträume und der die Geschichte bestimmenden Denk- und Glaubensrichtungen, über eine "Systematische Erhellung" (im Sinne einer Anthropologie der Arbeit) und schließlich über eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen "Wunderkuren", die etwa von Seiten des "utopischen Sozialismus" (Marx) oder der "Konfession des technischen Chiliasmus" (E. Jünger) zur Wiedergesundung der Arbeitswelt in Vorschlag gebracht wurden und heute auch noch werden, ein eigenes "Echtes Heilverfahren". Es geht von dem Grundsatz aus, daß "Arbeit bildend nur sein kann, wenn sie denkendes Tun ist", und sein Ziel ist es darum, "Denken und Tun und Tun und Denken wieder zu vereinen".

Die Stationen dieser Therapie sind im einzelnen nicht immer neu und originell. Schon die einzelnen Kapitelüberschriften (Die Auferstehung des Nächsten im Mitarbeiter – Die Wiederbelebung der Person durch Mitverantwortung – Die humane Integrierung des Betriebes) lassen erkennen, in welcher Richtung etwa sich die Überlegungen Weinstocks bewegen. Aber sie sind frei von Überschwang und kein Neuaufguß jener berüchtigten Sozialromantik, die der Sache des Menschen mehr schadet als nützt –, wovor Weinstock ja schon deswegen bewahrt ist, weil er von Haus aus Pädagoge ist und auf lange Erfahrungen in der Arbeit am Menschen zurückblicken kann. Was diesem Buch seinen Platz auch in der mehr aus der Praxis erarbeiteten einschlägigen Literatur sichern wird, ist die klare geistige Konzeption, die sich aber dennoch den Tatsachen stellt und sich mit ihnen auseinandersetzt.

Das Beste, was man über dieses Werk eines Humanisten sagen kann, ist wohl das, daß es mit Anstand vor der Kritik der anderen Seite, also der "Herrn im Hause" und der "Kenner der Verhältnisse" bestehen dürfte, für die es ja in erster Linie geschrieben ist. Jedenfalls haben wir schon seit langem keinen so klaren Beitrag etwa zur Mitbestimmungs-Diskussion, die sich ja mehr und mehr im Wust verwirrender Schlagworte zu verlieren droht, gelesen, wie in diesem Buch eines passionierten Menschenfreundes –, und man beachte dabei die Bravour des Ineinanderdenkens von Menschen und Sachen: "Wenn der Anthropologe als gewissenhaft ‚realer‘ Humanist über dem Recht der Person den Anspruch der Sache nicht außer acht läßt, was beides doch für eine vollständige Menschenlehre unlöslich auf Gedeih und Verderb zusammengehört, dann verhehlt er sich nicht, daß das oberste Gesetz der hier in Frage stehenden Sache, der Wirtschaft nämlich, die Rentabilität ist; macht sie doch alles andere und so auch Humanität erst wirklich möglich... Wirkliche Sachen lassen ihrer durch die Person nur auf Kosten der Person spotten. Sie verlangen zu ihrer Betreuung die Person, lassen sich aber dazu nur die sachkundige gefallen. Zu bestimmen über eine Sache vermag in echter Verantwortung nur, wer sie beherrscht. Sachunkundige Bestimmung oder auch nur Mitbestimmung – das geht auf unbezahlbare Kosten der Wirtschaft und zu unerträglichen Lasten der Person ... Man möge die Vokabel Mitbestimmung durch Mitverantwortung ersetzen ... Da nämlich der ‚Mann am Platz‘, der Arbeiter also am Fließband, oder vor dem Preßlufthammer, über die ökonomischen und technischen Probleme des Gesamtbetriebes mitzubestimmen gar nicht sachkundig genug sein kann, muß die Mitbestimmung Vertretern mit entsprechender Ausbildung übertragen werden. Das heißt, das politische Repräsentativprinzip der parlamentarischen Demokratie wird ohne weiteres auf die Arbeitsräume übertragen ... Die Humanisierung der modernen Arbeit durch Personalisierung des Arbeiters aber hat mit politischer Mitbestimmung nicht das mindeste zu tun; im Gegenteil: das Unheil der Fremdbestimmung des Arbeiters wird durch solche, von außen und von oben (der Gewerkschaftsleitung) geregelte und ausgeübte "Mitbestimmung" nur um eine neue organisatorische Maßnahme vermehrt und also verfestigt... Es ist nicht einzusehen, wie solche "fremde" Mitbestimmung dem Selbstbewußtsein und dem Freiheitswillen des Arbeiters sollte zugute kommen können." Wolfgang Krüger