v. z., München

Kurt Ciecholewski ist Vertriebener aus Polen, und weil er im Winter keine Arbeit findet, gehört er nach amtlichem Sprachgebrauch zu jenen "Asozialen" und "unerwünschten Elementen", die die Hüter der Ordnung in einem traurigen Kreislauf von Arbeitsmangel – Wohnungsverlust – Bahnhofsübernachtung – Wohlfahrtsamt – Caritas – Polizeiarrest – Schnellgericht – Gefängnis einen Teil der Zeit dem Auge der bürgerlichen Gesellschaft zu entziehen suchen. So jedenfalls sah es der Münchener Amtsgerichtsrat Lutz, als die Polizei den schlafenden Polen in jener kalten Nacht des 3. Februar im Starnberger Bahnhof festnahm und ihn anklagend vorführte. Ciecholewski habe das Hausrecht der Bahn verletzt, plädierte der Staatsanwalt, er habe Hausfriedensbruch begangen, und weil es nicht das erstemal sei, beantragte er drakonisch drei Monate Gefängnis wegen "Unverbesserlichkeit". Freispruch, erklärte der Richter ruhig und legte die Kosten der Staatskasse auf. Hier ist kein Hausrecht verletzt, erklärte er. Die Bundesbahn ist eine öffentliche Anstalt, Steuermittel decken ihr Defizit, und daß ihrer Einrichtungen sich nur bedienen dürfe, wer "den Besitz einer Fahrkarte und die ernstliche Absicht nachweisen könne, er wolle die Reise mit dem nächsten Zug auch wirklich antreten", wie man es von dem Angeklagten verlange, davon könne keine Rede sein. Eilige kürzten jeden Tag durch die Hallen ihren Weg ab, andere benutzten die Toiletten; Zeitungen, Briefmarken und so fort werden nicht nur von Reisenden gekauft, Aktualitätenkino und Bahnhofsmesse besuche wer wolle, und wenn man den Stammtisch, der sich zu später Stunde in der Bahnhofswirtschaft zu einem Umtrunk zusammenfindet, über die Reisepläne befragte, so wäre die Antwort ein ortsüblicher Kernfragte, Wer sich so wohlhabend gibt, wird auch nicht behelligt, aber, so glaube die Bundesbahn, ihren Kunden (und damit meint sie wohl die begüterten Reisenden) könne sie nicht zumuten, menschlichen Gestalten zu begegnen, die, "schlecht gekleidet, meist ungewaschen und unrasiert, des Nachts auf einer Bahnhofsbank eine kurze Stunde der Ruhe in ihrem erbärmlichen Dasein finden". Eine solche Praxis, erklärte Dr. Lutz, verstoße auch gegen das Grundgesetz: gegen die Menschenwürde, denn hier würden in plutokratischer Unterscheidung zwei Klassen geschaffen (Art. 1), gegen die freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2), gegen den Grundsatz der Gleichheit (Art. 3), und vielleicht sogar, dem Sinne nach, gegen die Gewähr der Bewegungsfreiheit (Art, 11). Aber selbst, nähme man ein Hausrecht an, so könnte Ciecholewski doch nicht bestraft werden, Notstand und Güterabwägung sprächen für ihn. Es herrschte nämlich damals eine sibirische Kälte, einige erfroren, und daß die Herbergsmöglichkeiten für Unbemittelte an solchen Tagen nicht ausreichen, ist amtsbekannt. Dem Angeklagten zuzumuten, er solle bei solcher Witterung im Freien nächtigen, läßt sich nicht rechtfertigen, nicht einmal, wenn seine Gegenwart im Bahnhof vielleicht den Schönheitssinn verletzte.