Der letzte Katholikentag in Fulda hat die Blicke Deutschlands in einer politisch gespannten, seit Monaten mit der Problematik kulturkämpferischer und konfessioneller Plänkeleien im Vorfeld der Landtagswahlkämpfe beladenen Situation auf das große Lager des politischen Katholizismus gelenkt. Dazu äußert sich in dem folgenden Artikel ein katholischer "Integralist".

Was man gemeinhin "politischen Katholizismus" nennt, gibt es gar nicht. Es besteht nur in der leicht entzündlichen Phantasie ängstlicher Gemüter, die in allen Ecken das Gespenst der Gegenreformation sehen. In Wahrheit umspannt ein Forum, wie es der Katholikentag einmal im Jahre oder auch nur alle zwei bis drei Jahre bietet, sehr gegensätzliche politische Gruppen und vollends einander widerstreitende Überzeugungen und Ansichten von einzelnen, die sich keiner bestimmten Gruppe zuzählen. Von Linksradikalen, die mit Niemöller und Heinemann, ja mit Bevan und Tito, selbstverständlich mit Pandit Nehru und Mendès-France, aber gelegentlich auch mit Moskau selbst sympathisieren (es sei nur der umstrittene Münchner Rundfunk-Kommentator W. M. Guggenheimer genannt) über die "Kaiser-Jakobiner" und gewisse gewerkschaftliche Kreise, über den von Walter Dirks geführten Kreis der "Frankfurter Hefte", der religiöse Sozialisten umfaßt, die mehr oder minder auf die SPD eingeschworen, aber auf jeden Fall Gegner der CDU und Adenauers sind, führt die politische Kurve des sogenannten politischen Katholizismus bis zu Männern wie Hundhammer und konservativen Kreisen, wie sie etwa in der Abendländischen Aktion und in der Zeitschrift "Neues Abendland" zu Worte kommen. Zwischen diesen Extremen ist mehr Feindschaft, Mißtrauen und Polemik, mehr invidia catholica, wie man es hinter den Kulissen nennt, als zwischen den politischen Parteien oder gar zwischen den Konfessionen, die meist nur von politischen Interessenten gegeneinander aufgehetzt werden. Je schwerer es ist, diese schwarz-passepoilierten Ultra- und Rosaroten mit den nur rötlich distinguierten oder den hundertprozentigen "Schwarzen" auf eine politische Linie zu bringen, desto größer wird das Gedränge an den Hintertüren, durch die man dem politischen Dilemma zu entkommen meint. Mit anderen Worten: aus der Wirrnis der Politik flieht man in die ruhigen Gefilde des Moralismus, wo man sich wieder der verläßlichen Wegweiser der Kirche bedienen, in den abgesteckten Bahnen der Moraltheologie wandeln und den missionarischen Eifer betätigen kann, ohne dauernd die eigenen Glaubensbrüder bekehren oder mit dem Bann belegen zu müssen. Die Linken vor allem, die sich in der Rolle von Mitläufern der Fünften Kolonne wohl doch nicht ohne Gewissensbeschwerden bewegen können, überkompensieren ihre seelischen Traumata durch moralischen Rigorismus, (das heißt durch eine Philosophie moralischer Starrheit). Eine alte Erfahrung übrigens: von der mittelalterlichen Pataria über Savonarola bis zu den Arbeiter-Priestern waren die politisch Radikalen in der Kirche immer die Rigoristen und Puritaner, ihre Legitimation war die Tugend und ihr Argument gegen Kardinäle, Bischöfe und weltliche Herren deren moralische Unzulänglichkeit. Diese tiefere Problematik ist bisher weder den Betroffenen noch den Beobachtern recht bewußt geworden. Es scheint aber, daß hier nunmehr ein Riß entsteht, der sich rasch erweitern könnte.

Ein Signal, das Erschütterungen an dieser tektonischen Bruchlinie ankündigt, ist der scharfe Angriff, den Graham Greene – ob seiner "Sündenmystik" seit längerer Zeit schon in verschiedenen katholischen Zeitschriften scharf kritisiert – in dem ebenfalls katholischen und sehr angesehenen "Figaro litteraire" gegen den Kardinalerzbischof von Paris, Feltin, gerichtet hat. Der Erzbischof hatte der berühmten Colette das kirchliche Begräbnis verweigert, weil sie sich im Jahre 1906 von ihrem (brutalen und sie schamlos ausnützenden) Gatten hatte scheiden lassen und im Laufe der Jahrzehnte noch zwei Zivilehen eingegangen ist. Graham Greene wirft dem Kardinal vor, er habe an Mme. Colette ein Exempel statuieren wollen, und ruft ihm zu: "Vergessen Sie die berühmte Schriftstellerin und denken Sie an eine alte Dame von achtzig Jahren, die zu einer Zeit, da Ew. Eminenz noch nicht einmal die Weihen empfangen hatte, eine unglückliche Ehe einging – nicht durch ihre Schuld, es sei denn, die Unschuld werde als Schuld angerechnet." Graham Greene tut ein übriges und erinnert den Kardinal daran, daß die protestantische Geistlichkeit im Falle André Gide ganz anders gehandelt habe. Die Leser Colettes, gerade die Nichtkatholiken unter ihren Verehrern, könnten den Eindruck erhalten, daß es dem katholischen Klerus an Nächstenliebe mangele. Man wird die Zahl derer, die unter den praktizierenden Katholiken in dieser Sache auf seiten Graham Greenes stehen, nicht allzu hoch ansetzen dürfen. Der Erzbischof hat die Moral theologie und das kanonische Recht für sich. Man rebelliert zwar gern gegen Adenauer, Schuman und Scelba, da es gegen politischen Linksdrall keine kanonischen Bestimmungen gibt, aber man deckt sich, je weiter man nach links ausschwärmt, um so lieber hinter Dogmen und Paragraphen, da Kommunismus, gemildert durch Tugend, vielen besser erscheint, denn Sünde und moralische Lauheit, verschärft durch konservative Neigungen. Kein Zufall vielleicht, daß dieser Konflikt auf französischem Boden ausbricht, wo infolge einer uralten und im Volksbewußtsein verankerten Gleichsetzung von Katholizität und Latinität, gallisch-romanischer Wesensart und römischer Kirche frühzeitig der Typus des katholischen Freidenkers, ja des "katholischen Atheisten" gedieh, der wie der verstorbene Royalist Charles Mauras für die katholische Kirche stritt, ohne an ihre Lehren zu glauben. Vielleicht hätte aber der Katholizismus heute weit über die romanischen Länder hinaus werbende Kraft, wenn er nicht so sehr an die praktizierenden Katholiken als an die Millionen "Taufscheinkatholiken" und nicht-katholischen Christen dächte, die sich der Mission verschließen, weil sie den moralischen Rigorismus – ohne deshalb für ihre Person nun unbedingt "unmoralisch" zu sein – als Eingriff in die private Freiheit des Individuums ablehnen? Alles, was vom liberal-individualistischen Zeitalter übrigbleibt und was mit dem geistig-sittlichen Vermächtnis des deutschen Idealismus weitgehend indentisch ist, läßt sich wohl mit der Metaphysik und der Liturgie der katholischen, heute ja durch die moderne Naturwissenschaft eher gestützten als bestrittenen Lehre, vor allem auch mit dem Ideal der christlichen Liebe auf eine Linie bringen, keineswegs aber mit dem moralischen Rigorismus, der eben, wie Graham Greene sagt, der Liebe zu ermangeln scheint, dem Sünder nicht verzeiht, sondern ihn verachtet und die Tugend im Sinne des Puritanertums zum Maßstab des öffentlichen Lebens macht. Aus dieser Quelle dürften die Ressentiments und die Animosität weiter Kreise auch des deutschen Volkes gegen die Bestrebungen resultieren, die man irrtümlicherweise als "Klerikalismus" hinstellt (obwohl der Klerus meist weniger rigoros ist als die Laien) und die sich zu Recht oder Unrecht in der Gestalt des Familienministers Würmeling verkörpern. Das ist aber nicht nur eine konfessionelle, sondern eine hochpolitische Sache, denn die Rechnung bezahlt eines Tages die überkonfessionelle CDU.

Die katholische Kirche ist nun einmal seit Konstantin dem Großen, also seit mehr als eineinhalb Jahrtausenden, auch eine weltliche Ordnungsmacht, Hüterin mindestens eines Ordnungsbildes, nach dem sich einmal das ganze christliche Abendland ausgerichtet hat. Man erwartet von ihr gerade in Zeiten der allgemeinen Verwirrung, daß sie ordnend und führend auch in der großen Politik wirke (oder fürchtet es auch). Dahin deutet ein Wort Ernst Jüngers, daß in dieser Zeit allein das Christentum den Tempeln Inhalt geben könne. Nicht Moralismus, sondern Staatskunst, geschöpft aus dem Schatz der Jahrhunderte, erwarten Millionen von Nichtkatholiken, Formalkatholiken, aber auch von praktizierenden Katholiken heute von der Kirche. Es wäre zuviel gesagt, wollte man behaupten, sie sei ihnen das gerade unter dem Pontifikat Pius XII. etwa schuldig geblieben. Es gibt aber Tendenzen, die in diese "unpolitische" Richtung weisen. Die Kirche müsse, schreibt Pater Brockmöller in seinem viel beachteten Buch, die abendländische Kultur fallen lassen und sich offen zum Geist des neuen technischen und Massenzeitalters bekennen. Das Abendland sei tot, das Christentum aber werde auch auf dem Boden einer völlig veränderten Kultur leben. Und Friedrich Heer hat ein Geschichtsbild entworfen, in dem Christentum und Spiritualismus, dieser aber mit Demokratie, Republik und Fortschritt identifiziert werden. Man übersehe nicht, daß gerade vom Rigorismus her auf weite Sicht eine Annäherung zwischen Kirche und Kommunismus möglich wäre und daß der Kollektivismus in manchen christlichen Kreisen deshalb eine gute Presse hat, weil er in vielen Punkten "moralischer" ist als der "sittlich entartete" Westen. In den dreißiger Jahren sagte einmal im Laufe einer hitzigen Diskussion (die außerhalb Deutschlands stattfand) ein sehr gescheiter russischer Jude – es war zur Zeit der Trotzkistenprozesse –, wenn Hitler die Junker enteigne und Stalin die Juden liquidiere, dann stehe der Verschmelzung von Kommunismus und Nationalsozialismus nichts mehr im Wege. Beinahe hätten wir es erlebt. Mit ähnlicher Zuspitzung einer vorläufig freilich noch nicht ausgereiften Frage könnte man sagen: wenn die Kommunisten die Ehescheidunng abschaffen und der Vatikan das Privateigentum als unmoralisch erklärt, gibt es eine mittlere Linie, auf der sich Kirche und Kreml finden könnten. Gott sei Dank hat das noch gute Wege! Die Problematik, die in der Entwicklung des sogenannten politischen Katholizismus zum moralischen Rigorismus und zum Verzicht der Kirche auf ihre weltgeschichtliche Aufgabe als Ordnungsmacht liegt, sollte aber frühzeitig beachtet werden. Sie geht alle an. Emil Franzel