Drei Wochen sind jetzt vergangen seit dem Tage, da der Präsident des Deutschen Sportbundes anläßlich der Berliner Hauptversammlung der Deutschen Olympischen Gesellschaft an die Kultusminister der Länder sieben Fragen richtete, die von Bedeutung für den deutschen Sport sind. Willi Daume führte dabei aus, daß die Zivilisation mit der Zeit ein Hemmschuh der Menschheit geworden sei, daß die Fortschritte der Technik zu einer Vernachlässigung der Bewegung des Körpers im täglichen Leben geführt hätten, und daß es nun die große Aufgabe des Sportes sei, für Gesunderhaltung des Körpers und des Geistes zu sorgen. Diese Aufgabe könne der Sport allein nicht bewältigen, er brauche dazu die Hilfe des Staates.

Das waren gewiß keine sonderlichen Erleuchtungen des Sportpräsidenten, und was er in seinem ausführlichen Referat sagte, war gewißlich auch nicht neu. Wirklich neu an der Sache war nur, daß Daume endlich einmal die Kultusminister, die sich ja angeblich für die Gesunderhaltung des Volkes und besonders für die Kräftigung und Erziehung der Jugend verantwortlich fühlen, direkt und prägnant ansprach und ihnen mit seinen sieben Fragen ein nicht zu überhörendes und unmißverständliches "hic Rhodus, hic salta" zurief.

Hätte er uns vor seinem Vortrage nach unserer Meinung gefragt, wir hätten ihm ernstlich abgeraten, sich nun auch noch der Gefahr auszusetzen, einen Korb zu holen. Denn auf eine Antwort wird er lange warten können. Wenn tatsächlich der eine oder andere Minister sich zu einer Antwort aufraffen sollte, so wird Daume auch nur das wieder zu hören bekommen, was man bis jetzt noch immer zur Antwort gab, daß doch der Staat alles täte, was in seinen Kräften stände, Turnen und Sport zu fördern. Wie diese Förderung aber aussieht, wissen wir ja.

Nehmen wir, nur ein Beispiel; die tägliche Turnstunde. Der Kampf um sie geht nun bald sechzig Jahre, und 1920 machte sich die Reichsschulkonferenz diese Forderung einsichtsvoller Pädagogen zu eigen und forderte energisch ihre gesetzliche Einführung. Und was war der Erfolg? Wir haben sie heute immer noch nicht. Die Schuld liegt bei den Kultusministern, denen eine neue, völlig unnötige Rechtschreibung unendlich viel wichtiger ist als die Gesundheit der ihrer Obhut anvertrauten Jugendlichen. Oder das Spielplatzgesetz. 1921 verkündete die Reichsregierung amtlich, sie würde ein derartiges Gesetz unverzüglich dem Reichstage vorlegen, der es im übrigen ausdrücklich gefordert hatte. Und was ist geschehen? Nichts! Wir haben es heute noch nicht einmal, wo es viel dringlicher ist als damals. Man redet sich mit dem Mangel an Geld heraus, ohne zu bedenken, daß dieses Gesetz weniger eine Geldfrage als eine Charakterfrage ist. Denn es gehört Mut dazu, für die Kosten eines solchen Gesetzes einzustehen und es zu erlassen.

In diesen drei Wochen hätte doch wenigstens einer der Kultusminister die Muße finden können, Daume eine Antwort zuteil werden zu lassen. Ganz bestimmt wird man ihm niemals sagen, welche echten staatlichen Mittel der Förderung der Leibeserziehung an den Schulen und in den Vereinen von den Kultusministerien zur Verfügung gestellt wurden. Man wird ihm einfach die von dem Sport sozusagen aus eigener Kraft aufgebrachten Totomittel vorrechnen, zumal die wirklich reinen Staatsmittel so beschämend gering sind, daß man sie besser doch wohl verschweigt. W. F. Kleffel