Ein Eilbrief ohne Absender Weltkugel rot und blau – Streit der Akademiker

Von Horst Stellmann

Ein Eilbrief aus Prag. Ohne Absender. Das Schreiben enthielt eine Einladung nach Moskau. Ich war aufs äußerste überrascht. Der Inter-< ionale Studenten-Bund (ISB) bat mich, zu seiner Ratstagung" vom 20. bis 27. August 1954 nach kau zu kommen. Ich war sprachlos. Wie war gerade auf meine Person verfallen? allmählich kam mir eine Vermutung, woher my meine Adresse erhalten hatte; eine Vermutung, die sich nachher bestätigte: Auf dem Deutschen Studententag, der im Mai dieses Jahres in München stattgefunden hatte, hatten wir mit einigen kommunistischen Studenten aus der Sowjetzone debattiert. Wir hatten dabei die Meinung vertreten, daß wir trotz aller politischen Differenzen gern menschlichen Kontakt mit Studenten jenseits des Eisernen Vorhangs aufnähmen, wenn wir die Gewähr hätten, nicht zu politischen Zwecken mißbraucht zu werden. Bei dieser Gelegenheit wurden dann, wie bei solchen Treffen üblich, auch Adressen ausgetauscht. Von meinen Gesprächspartnern hörten wir nichts mehr. Bis plötzlich diese Einladung auftauchte.

Soweit die Vorgeschichte. Nachdem ich vom Generalsekretariat des "Internationalen Studenten-Bundes" in Prag die schriftliche Zusicherung erhalten hatte, auf der Tagung nicht als Vertreter einer studentischen Gruppe der Bundesrepublik oder gar der gesamten westdeutschen Studentenschaft auftreten zu müssen, sondern als privater Gast behandelt zu werden, machte ich mich am 15. August die Reise. Im Ostberliner HO-Hotel "Adria" traf ich auf die sieben Kommilitoninnen und Kommilitonen aus der Bundesrepublik, die wie ich nach Moskau eingeladen waren, sowie auf die sieben FDJ-Funktionäre, die auf der Moskauer Tagung die Studentenschaft der DDR vertreten sollten. Die FDJ nämlich ist – im Gegensatz zum Verband Deutscher Studentenschaften in Bonn (VDS) – volles Mitglied des ISB.

Die Vorbereitung zur Moskau-Fahrt begann damit, daß wir mit der Organisation und der Arbeitsweise des Internationalen Studenten-Bundes bekannt gemacht wurden. Nachmittags besichtigten wir Ostberlin: Treptow, das Walter-Ulbricht-Stadion und, last not least, die Stalinallee. So bekamen wir schon hier einen kleinen Einblick in sowjetische Baukunst, denn – um es gleich vorwegzunehmen – der Stil dieser Architektur, Wahl des Baumaterials, ja, die ganze Bauweise sind den sowjetischen Staatsbauten in Moskau verblüffend ähnlich.

Am 18. August bestiegen wir auf dem Flugplatz Berlin-Schöneweide gegen acht Uhr morgens eine Maschine der Aeroflot, die einer zweimotorigen Dakota verteufelt ähnlich sah. Wir trafen auf drei dänische, einen holländischen und einen algerischen Studenten, die auch zu der Tagung wollten. Außerdem hatten zwei britische Diplomaten Platz genommen, ferner eine Russin mit ihrer Tochter, die bei der Besatzungsarmee zu Besuch gewesen war. Eine Stewardeß bewirtete uns während des Fluges mit Bonbons, Keksen und bediente uns mit russischen Zeitschriften. Sie war unscheinbar, nett und zurückhaltend; übrigens (mit Rock und Pullover) aufs einfachste gekleidet; ganz das Gegenstück zu den schick gekleideten jungen Damen, die ein solches Amt bei den westlichen Fluggesellschaften versehen. So flogen wir in etwa 2400 m Höhe über die deutschen Gebiete jenseits der Oder und Neiße, über Warschau, aus dessen Häusermeer der Kulturpalast, ein Geschenk der SU an Polen, wie ein riesiger Zuckerhut auftauchte, dann über Weißrußland.

Zwischenlandung in Minsk: Paßkontrolle. Am Flugzeug erwarteten uns ungefähr zwanzig Jugendliche mit Blumensträußen, die uns willkommen hießen. Schon hier fiel uns jene russische Eigenart auf: Während wir dem Sprecher durch Applaus danken, klatschen seine russischen Kommilitonen und er selber mit. Die Zeit in Minsk war zu kurz; sie reichte gerade zu einem kleinen Imbiß im Flughafenrestaurant; dann starteten wir wieder und erreichten bei herrlichstem Sonnenschein um drei Uhr nachmittags Moskau. Der Flug hatte demnach rund sieben Stunden gedauert.