Jr. H., Paris, im Oktober Das Generalsyndikat der französischen Baumwollindustriehat einen Plan zur Koordinierung der europäischen Baumwollindustrie entworfen, der dem internationalen Baumwollkongreß am 25. Oktober in Barcelona vorgelegt werden wird. Es handelt sich um ein Poolprojekt, wobei freilich zahlreiche Vorbedingungen erfüllt werden müßten, bevor eine enge Vereinigung der europäischen Baumwollindustrie Wirklichkeit werden kann.

Die europäische Baumwollindustrie ist heute sehr übersetzt. Man kann die Situation am besten beurteilen, wenn man den Rückgang der europäischen Exporte seit dem ersten Weltkrieg betrachtet: 1913 exportierten die europäischen Länder 58,7 v. H. ihrer Produktion, dies entsprach in der Menge 898 000 t; der Export sank 1938 auf 30 v.H. (285 000 t) und reduzierte sich 1953 auf 20 v. H. (214 000 t). Die wesentlichste Ursache dieses Exportrückganges liegt in der fortschreitenden industriellen Ausrüstung der Produktionsländer für Rohbaumwolle. Der Bedarf an Rohbaumwolle erhöhte sich wohl von 1913 bis 1953 um 63 v. H. in den USA, um 133 v. H. in Indien und 181 v. H. in Brasilien, in der gleichen Zeit sank der Bedarf aber um 65 v. H. in Großbritannien und um 10 v. H. in Europa. Die sechzehn der OEEC angeschlossenen Länder besaßen 1920 56,7 v. H. der Spindeln und 51 v. H. der Webstühle, die in der gesamten Welt in Betrieb standen. Diegleichen Länder verfügen heute nur noch über 42,7 v. H. der Spindeln und 36 v. H. der Webstühle. Und während die europäischen Länder 1913 noch 51 v. H. des Weltbedarfs an Rohbaumwolle verarbeiteten, sank dieser Prozentsatz 1953 auf 24,7 v. H.

Während die europäische Baumwollindustrie ihren vorherrschenden Platz in der Welt einbüßte, erhöhte sich die Konkurrenz der einzelnen europäischen Länder gegeneinander. Der europäische Innenhandel an Baumwollstoffen repräsentierte im letzten Vorkriegsjahr nur 13,6 v. H. des europäischen Gesamtexportes. Dieser Prozentsatz stieg 1950 auf 31 v. H. Jedes Land verstärkte die Zollbarrieren, gewährte Exportsubventionen und erhöhte die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Industrie durch die verschiedensten Maßnahmen. Aber all diese Maßnahmen führten letzten Endes nur zu einer Verstärkung der Krise.

Die französische Baumwollindustrie schlägt nun eine Politik der europäischen Zusammenarbeit vor, die zunächst zu einer Koordination der Herstellungspreise führen müßte. Dazu wäre vorerst die Lösung der Frage der Frauen- und Männerlöhne notwendig (in Frankreich erhalten Frauen und Männer die gleichen Löhne). Diese Lösung könnte in einem Abkommen im Rahmen des Internationalen Arbeitsamtes erfolgen. Man müßte auch die Sozialleistungen und die Arbeitsbedingungen vereinheitlichen. Ebenso müßten die Möglichkeiten der Beschaffung von Rohstoffen, die Energiepreise, die Steuern und die Kreditkosten vereinheitlicht werden. Eine derartige Politik bedingt indessen die Konvertibilität der Währungen. Nach Meinung der französischen Baumwollindustrie ist die Aufhebung der Devisenbewirtschaftung wesentlich wichtiger für die Integration der europäischen Wirtschaft als die Beseitigung der Kontingentierung der Importe.

Wesentlich für die europäische Zusammenarbeit in diesem Wirtschaftsabschnitt ist aber auch die Beseitigung der Übersetzung. Die Franzosen schlagen vor, daß jene Betriebe, die heute nicht produktiv sind, geschlossen werden. In Frankreich wurden seit dem Beginn der Krise 75 Fabriken mit insgesamt 9000 Webstühlen und 200 000 Spindeln stillgelegt. Die weitere Ausschaltung von nicht leistungsfähigen Betrieben wird in der französischen Baumwollindustrie ernsthaft betrieben. Man weist mit Recht darauf hin, daß 92 voll arbeitende Spinnereien eine Erhöhung ihrer Produktion um 12,6 v. H. aufweisen und sie die Löhne im Laufe des letzten Jahres um durchschnittlich 6,6 v. H. erhaben konnten.