In Nr. 39 der ZEIT brachten wir einen Artikel über die indische Filmproduktion, in der Schlagermusik und Monstrekitsch fröhliche Urständ feiern. (Siehe auch Leserbrief in dieser Ausgabe.) Unser heutiger Bericht schildert die Situation des arabischen Films, der es, ähnlich wie in Indien, mehr mit Kasse als mit Kunst zu tun zu haben scheint.

Kairo

Einen Blick in den Harem zu tun, ist gar nicht so schwer, wie es die meisten Orientreisenden schildern: Man braucht nur einsfünfzig zu zahlen, und dann kann man sie erleben, die orientalischen Nächte, mit allem, was dazu gehört, mit Bauchtanz und heißer Liebe. Kein Wunder, daß alle Männer zwischen Bagdad und Kairo diese Gelegenheit gern nutzen. Die Frauen bleiben natürlich zu Hause. Nur in Städten wie Beirut, Kairo oder Alexandrien gehören sie zu dem Publikum, das Abend für Abend die großen modernen Lichtspielhäuser, Cinomascope-Paläste und Freilichtbühnen bis auf den letzten Platz füllt.

Diese Filmbegeisterung hat im Orient noch einen besonderen Grund. Wie in allen Ländern, in denen der größte Teil der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann, tritt der Film an die Stelle des Unterhaltungsteils der Zeitung, der Story, des Romans und der Illustrierten. Thema Nr. eins ist dabei die Liebe. Mögen die eigenen Frauen auch noch tief verschleiert durch die Straßen wandeln, auf der Leinwand soll die Frau sich zeigen und sich – altorientalisch oder neuwestlich – produzieren in Tanz und Gesang. Der arabische Filmschlager ist die neue Volksmusik geworden, und bei dem Enthusiasmus, mit dem freigebig-enthüllende Tanzszenen vom Publikum aufgenommen werden, kann man es wohl verstehen, daß die ägyptischen Filmproduzenten mit ihnen als kassenfüllendem Zugmittel rechnen.

Das nächstbeliebteste Filmthema ist der Kampf. Denn die harte Auseinandersetzung von Mann zu Mann rührt an ein altes arabisches Erbgut. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob die aus der Wirklichkeit entschwundenen Stammesfehden dargeboten werden oder der kühne Texasheld, der gewaltige Lassoschwinger und Pistolenschütze. Als drittes schließlich zieht die Komik. Wenn der Araber auch meist nur ernst und würdig durch die abendländische Vorstellung schreitet, in Wirklichkeit lacht er viel und gern.

All diesen Wünschen kommt der ägyptische Film entgegen, der sich als einzige nationale arabische Produktion den Markt des Mittleren Ostens mit der starken amerikanischen Einfuhr, zu einem geringen Teil auch der englischen und einigen französischen Filmen teilt. Die ägyptischen Filme werden im Irak gespielt, in Syrien, Jordanien, in der Türkei und in Aden, in Marokko, Indonesien und Pakistan. Nur in Saudi-Arabien, dem puritanischstrengen Königreich der Wahhabiten, und in dem durch Ölfunde märchenhaft reichen kleinen Stadtfürstentum Koweit sind öffentliche Kinos verboten. Da aber die Prinzen sich alle Heimkinos einrichten ließen, wurde es dem Emir von Koweit bei einem Besuch in Kairo von den Filmproduzenten sehr eindringlich nahegelegt, das Kino auch für die Allgemeinheit, und zwar als volksbildendes Mittel, zuzulassen. Man könne ja Lehr- und Kulturfilme vorführen, so argumentierten die Herren. Der Emir hat sich dieser Anregung nicht abgeneigt gezeigt.

In Ägypten ist in den letzten drei Jahren, seitdem die Gründung von Filmgesellschaften erleichtert wurde, ihre Zahl von zwölf auf sechzig angeschwollen, von denen allerdings nur zwanzig – und auch sie meist sporadisch – wirklich produzieren. Immerhin kommen dabei im Jahre rund 70 Filme heraus, alle, soweit sie nicht im Freien aufgenommen werden, abgedreht in den sieben Kairoer Studios, den einzigen im Mittleren Osten. Die größten, etwa der Misr- oder Nahas-Gesellschaft, sind hochmodern und mit allen technischen Raffinessen ausgestattet. Als sollte die große Vergangenheit die Stars und Regisseure anspornen, liegt das Filmviertel an der Straße, die – von Reklametafeln idyllisch umrahmt – zu den Pyramiden führt. In der Wüste aber, im Rücken der Sphinx, schlagen die Film-Beduinen ihre Zelte auf, und wilde Krieger auf feurigen Rossen sprengen über die Sanddünen, um die mit kostbarem Gut beladenen Kamele einer Karawane zu rauben. Die Hüter der Ordnung in dem Attrappenfort sehen gelassen zu: sie warten auf das Signal zum Auftritt.