Dem Steigen der Aktienkurse konnte auch in der vergangenen Woche kein Einhalt geboten werden. Diese Formulierung mag seltsam klingen, aber in der Tat wäre es besser, wenn die oftmals hektische Stimmung an den Börsen einer ruhigeren Beurteilung Platz machen würde. In den Londoner Verträgen und der damit verbundenen Wiederaufrüstung liegt ohne Zweifel ein Hausse-Moment, über dessen Berechtigung kaum jemand streiten wird. Ob allerdings die Anhebung der Kurse in dem jetzigen Ausmaß berechtigt ist, scheint eine zweite Frage zu sein. Bei vielen Papieren ist man in den Bereich der reinen Spekulation hineingestoßen, deren Berechtigung nicht immer auf starken Füßen steht. Die "Hamburger Kreditbank spricht in ihrem letzten Wochenbericht bereits von Glücksrittern, die auf die Rüstungshausse hin spekulieren, dabei eine ungenügend fundierte Nachfrage in Industriepapieren entfesseln und anschließend nicht zögern werden, sich unter Gewinnmitnahmen wieder völlig vom Markt zurückzuziehen. Die Folge müßten dann peinliche Kursstütze sein.

Solchen Gefahren kann man begegnen, indem man einen ausreichend breiten Markt schafft. Daß wir ihn nicht besitzen, haben uns die zurückliegenden Wochen bewiesen, in denen Auslandsorders und deutsche Meinungskäufe auf leere Märkte stießen und Kursrekorde auslösten, die einer nüchternen Prüfung nicht überall standhalten können. Ein Mittel, diesem Ubelstand, der die Funktionen des Kapitalmarktes entscheidend einengt, abzuhelfen, wären neue Aktienemissionen, die leider erst recht spärlich fließen.

In der Hoffnung auf günstige Wirkungen der kommenden Steuerreform und damit auf steigende Dividenden hat der Kapitalmarkt die bisherigen Aktienemissionen ohne Schwierigkeiten aufgenommen. Das gilt auch für die jungen Aktien der AEG, deren Bezugsrecht anfangs mit 17 v. H. gehandelt wurde. Wenn sich der Aktienkurs der AEG nicht ganz halten konnte (1871/2–190), dann hat es offensichtlich rein technische Gründe, die mit der Bezugsrechtnotiz in Zusammenhang stehen. Siemens St. erreichten dagegen mit 208 1/2 v. H. einen neuen Höchstkurs. Abweichend von der bisher stetigen Aufwärtsentwicklung stiegen die IG-Farben-Papiere. Bei den Nachfolgegesellschaften, wo Farbwerke Bayer erstmalig an die 200-Prozent-Grenze herankamen, brachte man die plötzlich einsetzende Kaufneigung mit Gerüchten über Kapitalerhöhungen in Verbindung. Die Liquis wurden dagegen durch die Ausschüttung der Rheinstahl-Quote begünstigt sowie durch eine Nachricht, nach der im kommenden Frühjahr das beschlagnahmte Vermögen in den USA freigegeben werden soll. Da jedoch Über diese Nachricht handfeste Einzelheiten nicht erfahren waren und insbesondere nicht gesagt wurde, ob man auch die Vermögen über 10 000 $ freizugeben gedenkt, sollte man diesem Argument mit Vorsicht gegenübertreten. Die Liquis zogen bis 46 v. H. an.

Im Montanbereich gab es eine Anzahl von Sonderbewegungen. Die Allgemeintendenz blieb mehr abwartend. Trotz mancher Schwankungen hat sich das Kursniveau insgesamt jedoch weiter angehoben. Aus dem üblichen Rahmen fielen Zeche Erin (201–219), Nordwestdeutsche Hütten (133 bis 135), Klöckner-Humboldt-Deutz (162–170), GHH Nürnberg 170 bis 163), Stahlwerke Südwestfalen (137 1/2–138 1/2, Rheinstahl (250–239) und Gelsenkirchen Bergwerk (129–133–125), Die Liquidationsanteilscheine der Ver. Stahlwerke werden jetzt ex Anteilschein 11, 12 und 13 gehandelt.

Mit größeren Gewinnen haben die Banken-Nachfolger aufzuwarten. Daneben kamen die Aktien der Deutschen Golddiskontbank zum Zuge, nachdem bei diesem Institut demnächst mit einer HV zu rechnen ist, die Klarheit in die Fragen der Liquidation bringen soll. Reichsbank-Anteile tendierten uneinheitlich.

Unmittelbar durch die Rüstungshausse wurden Textil-, Leder-, Fahrzeug- und Gummiwerke betroffen. Die Aufwärtsbewegung beiden Baustoff werten geht ebenfalls auf Rüstungserwarten zurück (500 Kasernen!). Die Gewinne betragen in den einschlägigen Papieren bis zu 10 Punkten. – Kaufhaus-Aktien empfingen ihre Anregungen aus den Verkaufsbesprechungen über das Aktienpaket der Defaka-Köster AG (bisher in amerikanischer Hand). Kaufhof überschritten mit 203 erstmalig die 200-Prozent-Grenze. 16 Punkte gewannen die Atlaswerke nach Bekanntwerden des Abschlusses für 1953 (Umsatzsteigerung um 30 v. H.). Zwei Drittel des Kapitals befinden sich in Händen der Hugo Stinnes GmbH, Mülheim.

Am Rentenmarkt ist die Nachfrage weniger dringend geworden. Erstmalig seit längerer Zeit fiel die Bundesanleihe bruchteilig auf 104 3/4 v. H. zurück. In den 7 1/2 v. H. und 8 v. H. Industrie-Obligationen kam etwas Material heraus, das die Kurse leicht nach unten beeinflußte. Es hat den Anschein, als ob man im Hinblick auf den Jahresultimo bestrebt ist, rechtzeitig flüssig zu werden. Die Kurse der Wandelanleihen paßten sich den gestiegenen Aktienbewertungen an. Bei den Reichsanleihen bewirkte die feste Haltung der Banken in der Frage einer gerechten Umstellung der Reichsschulden einen Anstieg von 3,80 auf 4‚30 v. H. Prof. Dr. Coing, Frankfurt/Main, kommt in einem Gutachten zu dem Schluß, daß die Gläubiger für die fundierten Reichsschulden gleich zu behandeln sind, eine Umstellung nach sozialen Gesichtspunkten also nicht statthaft sein kann. –ndt