B., Madrid, im Oktober

Anfang des Monats haben in Madrid die Besprechungen über das neue deutsch-spanische Handelsabkommen begonnen. Die deutsche Delegation steht, wie im vergangenen Jahr, wieder unter Leitung von Ministerialdirektor Dr. Seliger. Das von deutscher Seite gekündigte Zahlungsabkommen, das am 30. September ablief, wurde provisorisch um sechs Wochen verlängert, um Zeit für die neuen Vereinbarungen zu gewinnen. Ende August wies das Verrechnungskonto einen Saldo von 57 Mill. DM zugunsten der Bundesrepublik auf. Spanien hat also die im bisherigen Zahlungsabkommen vorgesehene Swinggrenze von 65 Mill. DM bis zum Schluß beinahe vollständig ausgenutzt. Es hat sich nichts an der Situation des Vorjahres geändert, die bereits dadurch gekennzeichnet war, daß Spanien den für saisonbedingte Schwankungen eingerichteten Swing in einen verschleierten Dauerkredit verwandelt hatte.

Dabei stand Westdeutschland auch in der abgelaufenen Saison wieder an vorderster Stelle der Abnehmerländer für spanische Apfelsinen und andere Zitrusfrüchte. Von insgesamt 416 400 t Apfelsinen und Mandarinen, die von der Bundesrepublik importiert wurden, kamen nicht weniger als 308 858 t aus Spanien. Die Verhandlungen dürften sich diesmal aus verschiedenen Gründen als schwierig erweisen. Zwar werden die Auswirkungen der Frostschäden des vergangenen Frühjahres auf die nächste Orangenernte nicht so erheblich sein, wie man anfangs befürchtet hatte, aber eine weitere Steigerung der deutschen Importe an Zitrusfrüchten ist unter den gegebenen Verhältnissen kaum zu erwarten. In zunehmendem Maß wird das Verrechnungskonto auch von mittel- und langfristigen Krediten belastet, die von der deutschen Industrie den spanischen Abnehmern bei Vertragsabschlüssen über die Lieferung von Maschinen und industrieller Ausrüstung gewährt werden. Diese Vereinbarungen stellen einen Vorgriff auf künftige Handelsverträge dar, der in zunehmendem Maß die Möglichkeiten des normalen Warenverkehrs verengt. Die Kreditgewährung ist bisher immer damit begründet worden, daß sich die internationale – vor allem englische und französische – Konkurrenz dieses Mittels bediene, das angesichts der spanischen Devisenknappheit das einzige sei, um größere Aufträge hereinzunehmen. Wie man hört, scheint aber England jetzt von dieser Methode abgehen zu wollen. Es dürfte an der Zeit sein, daß man auch auf deutscher Seite nach anderen Wegen sucht, um eine weitere Belastung des Verrechnungskontos zu vermeiden. Eine nochmalige Verminderung des Handelsvolumens wird sich aber bei den gegenwärtigen Besprechungen kaum umgehen lassen ...

Die Hauptsorge der spanischen Wirtschaft bleibt auch nach dem Pakt mit den USA der Kapitalmangel, der das Tempo des industriellen Aufbaues hemmt. Seit dem Bürgerkrieg, also praktisch seit nahezu zwanzig Jahren, ist der Zufluß von ausländischem Kapital so gut wie völlig unterbunden. Diese anormale Situation macht sich an vielen Stellen störend bemerkbar. Man befindet sich eben jetzt im gefährlichsten Stadium der wirtschaftlichen Entwicklung – im Übergang vom Agrarsystem zur Industrialisierung der teils halbfertig ist, teils kaum erst begonnen hat. Unter großen Opfern, die nicht zuletzt auf Kosten des Lebensstandards der Bevölkerung gingen, hat man in den Jahren der politischen Isolierung versucht, den industriellen Aufbau aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Da die Kapitaldecke zu kurz ist, konnte dieser Prozeß nur schleppend und mit großen Unterbrechungen vor sich gehen. Überdies verzögert die Exportschwäche des Außenhandels die Hereinnahme der unentbehrlichen industriellen Ausrüstung, die nur aus dem Ausland bezogen und infolge der chronischen Devisenknappheit nur durch Exporte bezahlt werden kann. Von der ohnehin knapp bemessenen amerikanischen Wirtschaftshilfe, die für das laufende Jahr 85 Mill. $ beträgt, muß zudem noch der größte Teil, nämlich 55 Mill., in Gütern der USA-Agrarproduktion abgenommen werden. Viele große Unternehmungen befinden sich daher gegenwärtig mit einem halbentwickelten Maschinenpark in einem Zustand, der eine rationelle Produktion problematisch erscheinen läßt.

In den spanischen Finanzkreisen wächst von Tag zu Tag die Neigung, durch Aufnahme von ausländischem Kapital die Lücke zu schließen. Die Regierung hat sich bisher nur zögernd von dieser Notwendigkeit überzeugen lassen; man befürchtet inflationistische Gefahren. Immerhin hat man anläßlich der Nationalisierung der Minen von Rio Tinto ein Gesetz erlassen, das die Auslandsbeteiligung künftig bis zu 49 v. H. ermöglicht. Aber der Andrang fremder Geldgeber ist darum nicht lebhafter geworden; es bleiben noch immer zwei Voraussetzungen unerfüllt, die für den ausländischen Interessenten entscheidend sind: die Kontrolle über die Betriebe und die Transfermöglichkeiten. An den Transfer von Zinsendiensten ist bei der spanischen Devisenlage auf absehbare Zeit nicht zu denken, und damit entfallen fürs erste alle Aussichten auf eine Auslandsfinanzierung großen Stiles. Sie sind zurückgestellt, bis das Regime den Entschluß zu einer wirtschaftlichen Liberalisierung findet, die (im Gegensatz zu den bisherigen Anläufen) nicht auf halbem Weg stehenbleibt.

Die Umrisse des Stützpunktsystems, das die Amerikaner auf spanischem Boden errichten werden, beginnen sich jetzt deutlicher abzuzeichnen. Wie es scheint, wird der endgültige Plan insgesamt dreizehn Stützpunkte umfassen, von denen bisher zwei – die Flughäfen von Torrejon bei Madrid und von Sanjurjo bei Saragossa – in der ersten Bauphase stehen. Nachdem die katalanische Firma Fomento y Obras mit einem auffallend niedrigen Angebot, das Anlaß zu mancherlei Kommentaren war, den Zuschlag für Torrejon erhalten hat, war jetzt das Madrider Unternehmen Agroman bei der Ausschreibung für Saragossa mit einer Offerte von 77,9 Mill. Pesetas erfolgreich.

Es fällt allgemein auf, daß sich die Amerikaner selbst bei nebensächlichen Ausschreibungsdetails mit peinlicher Korrektheit an den Buchstaben des Stützpunktvertrages halten, der lediglich die Auftragsvergebung an spanische Firmen oder gemischte spanisch-amerikanische Gruppen vorsieht. Von Bewerbungen anderer ausländischer Interessenten ist gegenwärtig keine Rede mehr. Allerdings steht die katalanische Gruppe, die den Zuschlag für Torrejon erhielt, in enger Verbindung zum Banco Comercial Transatlantico, dem Nachfolgeinstitut der ehemaligen Deutschen Überseeischen Bank, das vor einigen Jahren im Rahmen der Enteignungen in spanische Hände überging. Die Bank, deren Geschäfte weiterhin von Generaldirektor Euwens geleitet werden, hat auch die von den Amerikanern geforderte Bankgarantie von 30 Mill. Pesetas für Fomento y Obras bereitgestellt.