dd., Mainz

Der Sachverständigenausschuß für die Neugliederung des Bundesgebietes, der sogenannte Luther-Ausschuß, hat im Frühjahr eine Informationsreise durch die Rheinlande unternommen. Die Folgen, die vorauszuahnen waren (ZEIT, Nummer 22 vom 3. 6. 54: "Neues Land am Rhein"), werden nun im Herbst offenbar: Die Staatskanzleien in Mainz, Wiesbaden und Düsseldorf beschäftigen sich in umfangreichen Denkschriften mit den verschiedenen Möglichkeiten, ihre Länder auf Kosten der Nachbarn zu vergrößern.

Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen verteilen schon seit Jahren das Fell des noch nicht erlegten rheinländisch-pfälzischen Bären. Bayern und Baden wollen die Pfalz, Hessen will die Bezirke Mainz und Montabaur, Nordrhein-Westfalen will – nach einer Denkschrift, die in diesen Tagen dem Luther-Ausschuß zugesandt wurde – nicht nur (zwecks Wiederherstellung der alten Rheinprovinz) die Bezirke Koblenz und Trier, sondern in Konkurrenz mit Hessen auch den Bezirk Montabaur, ja sogar Grenzberichtigungen im hessischen Rheingau.

Ministerpräsident Altmeier bemerkte mit Verdruß, daß sein Land stets nur Objekt nachbarlicher Annexionswünsche war. Nun hat er das Gesetz des Handelns an sich gerissen und auf einer Pressekonferenz verkündet, Rheinland-Pfalz sei durchaus lebensfähig, mindestens müsse der Fortbestand des Landes bei künftigen Volksbefragungen als Alternative offen bleiben. In einer Denkschrift an den Luther-Ausschuß werde er von Hessen den Rheingau und die rechtsrheinischen Vororte von Mainz und Worms fordern.

An der Rheinfront ist alles im Fluß: Die Zahl der teils historisch, teils wirtschaftlich begründeten Neugliederungsvorschläge ist Legion. Altreichskanzler Luther wird es nicht leicht haben. Am wenigsten hört man leider von der einfachsten (nur von einem Teil der FDP in Rheinland-Pfalz befürworteten) Lösung: Zusammenschluß von Hessen und Rheinland-Pfalz. Sie würde eine Länderregierung einsparen, ein wirtschaftlich um das Rhein-Main-Gebiet orientiertes, lebensfähiges Gebiet schaffen und die willkürliche Zerreißung des westlichen Grenzlandes der Bundesrepublik vermeiden. Die neue Provinz mit der Doppelhauptstadt Mainz-Wiesbaden würde eine starke Klammer zwischen Nord und Süd, zwischen rechts- und linksrheinischen Landschaften von der Saar zum Thüringer Wald bilden und die vorzügliche Arbeit fortsetzen können, die Ministerpräsident Altmeier zur Stärkung des gesamtdeutschen Bewußtseins im rheinfränkischen Raum begonnen hat.