Westdeutschland soll wieder Soldaten haben. Damit erhält die Außenpolitik ein gewichtiges und wirksames Instrument zurück, einerlei ob von ihm Gebrauch gemacht wird oder nicht. Die Armee rangiert daher direkt nach dem Auswärtigen Amt und vor allen anderen Verwaltungen. Wäre es anders, dann wäre die Waffe nicht mehr die "ultima ratio" des Staates und gänzlich wertlos.

Diese einfachen und immer wirksam gewesenen Grundsätze werden heute vielfach übersehen, vor allem auch von Leuten, die sich darüber Gedanken machen, ob eine Aufrüstung zwangsläufig zu einer Inflation führen muß. Das wird der Fall sein, sofern durch die Aufrüstung die Wirtschaftskräfte des Landes überbeansprucht werden.

In der "guten alten Zeit" hat sich jedes Volk hiervor gehütet; denn schließlich wurde es auch der wirtschaftsfremdesten Heeresführung und dem abenteuerlichsten Staatsmann klar, daß eine laufende Überbeanspruchung der Wirtschaft durch die Armee auf die Dauer zur Schwäche und schließlich zum Zerfall des Staatswesens führen muß.

Das ist erst anders geworden, seitdem man entdeckt hat, daß mittels einer Politik des Wettrüstens der Gegner gezwungen werden kann, über seine Kräfte hinaus zu rüsten, um die Gefahren des Tages abwehren zu können. Gelingt diese Politik, dann winkt der Sieg, ohne daß auch nur ein Kanonenschuß zu fallen braucht. Die Wirtschaft hat es deshalb auch nicht selbst in der Hand, Maß und Tempo der Rüstung zu bestimmen und damit die Währung zu schützen. Für das, was hier geschieht, trägt vielmehr die Politik ganz allein die Verantwortung. Sie muß entweder dem Gedanken der Verständigung dienen, damit die Ansprüche der Armee klein gehalten werden können, oder sie muß, wenn dies nicht möglich ist, so mächtige Bündnisse eingehen, daß der Gegenspieler die Politik des Wettrüstens als aussichtslos aufgibt.

Genau in dieser Situation steht heute die Bundesrepublik: sie muß eine Politik betreiben, die die Gefahr ausschließt, zu einer Überbeanspruchung der Kräfte gezwungen zu werden. Um eine solche Politik aber betreiben zu können, muß das Auswärtige Amt zuerst einmal die Grenzen des Nocherträglichen kennen. Sie aufzudecken, ist die Aufgabe der für die Wirtschafts-, Finanz- und Währungspolitik verantwortlichen Stellen. ‚Vor allem muß die unabhängige Notenbank härter sein als je zuvor in der kurzen Geschichte der Bundesrepublik. Sicherlich soll sie der Staatsführung helfen, soweit dies ihre Möglichkeiten zulassen; als Kreditgeber soll sie aber auch den Mut zu einem entscheidenden Nein aufbringen, wenn es sein muß. Nur so können den für die Außenpolitik verantwortlichen Stellen klare Begriffe von dem vermittelt werden, was sie wirklich an Machtmitteln in der Hand haben. Erfolgt dies, dann wird die Außenpolitik zu einer sehr realen Angelegenheit. Nicht mit verschwommenen, wenn auch noch so gut gemeinten Deklamationen kann dies erreicht werden, sondern allein durch das Verantwortungsbewußtsein und die Entschlußkraft sachverständiger Persönlichkeiten.

Das alte Reichsbankdirektorium hat einmal unter sehr viel schwereren Verhältnissen diesen Mut zur Veranwortung aufgebracht. Das hat nichts genutzt, weil jeder Appell an die Einsicht in den Wind gesprochen war. Die damals Mächtigen im Reich konnten es auch wagen, über alle Warnungen der Notenbank hinwegzugehen. Heute ist es anders. Jede politische Stelle, der von der Notenbank der Vorwurf gemacht werden würde, sie betriebe eine inflationistische Politik, verlöre sofort ihr Prestige. Es besteht daher eine echte Chance für unser Land, der Probleme Herr zu werden, die mit der Wiederaufrüstung zwangsläufig entstehen müssen. Rlb