Von W.-O. Reichelt

Die 40. Jahresversammlung der Edelstahl-Vereinigung e. V., Düsseldorf, fand ihren Höhepunkt in einer großangelegten politischen Rede des Vizepräsidenten der Hohen Behörde, Franz Etzel. Im Beisein weiterer namhafter Vertreter der Luxemburger Institution, wie z. B. des Franzosen Daum, des Holländers Dr. Hamburger und von Dr. Potthoff, ferner von Vertretern der Edelstahlindustrie Schwedens, Österreichs, Frankreichs, Italiens und Belgiens, verteidigte Franz Etzel nicht nur die Idee der Montan-Union, sondern erklärte offen und klar, daß nach dem Scheitern der EVG von der supranationalen Integration Europas praktisch nur noch ein Zipfel vom Mantel der europäischen Einheit übriggeblieben sei, an dem für eine bessere Zukunft weiter gewebt werden müsse.

Etzels Rede war von einem großen und starken Beifall begleitet. "Die Montan-Union war gestern richtig, sie ist heute richtig und sie bleibt auch in der Zukunft richtig", stellte er fest. Von den Völkern Europas werde sie gewünscht, und die Völker Europas hoffen auf eine Realisierung der hinter dem Schuman-Plan-Vertrag stehenden großen europäischen Idee. Die Frage, ob die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl in das jüngste politische Bild noch hineinpasse oder ob sie nicht durch die Zurückweisung der EVG mit erledigt worden sei, beantwortete Franz Etzel mit einem erneuten Bekenntnis zur supranationalen Politik und Wirtschaft.

Etzel legte den Unterschied klar, der zwischen der Montan-Unions- und EVG-Politik und der neuen Politik der Londoner Schlußakte vorhanden ist. Der Unterschied liege darin, daß die Montan-Union (und auch die EVG) eine übernationale Lösung ist, bei der die Staaten gewisse Souveränitätsrechte aufgeben und jene in eine neue Institution verlagern, die dadurch selbst Souveränitätsträger und damit eine Art Staat geworden ist. Die Lösung der Londoner Schlußakte und des Brüsseler Paktes sei dagegen keine supranationale Lösung, sondern ein Bündnissystem nach den alten Methoden der nationalstaatlichen Politik. Die jüngsten Pakte würden nur einen bescheidenen Ansatz des Willens erkennen lassen, später wieder neue supranationale Europalösungen zu finden.

Etzel erklärte weiterhin, daß dies zwar sicherlich ein Weg zur europäischen Einigung sei, aber er wäre kein ausreichender Weg zu einer echten Integration. Die Oberwindung des alten Gegensatzes zwischen Frankreich und Deutschland sei nach seiner Auffassung wie nach der der Hohen Behörde nur durch eine Politik supranationaler Lösungen (also auf dem Wege zu einem föderativen Staat) möglich. Er erklärte: "Wir aber wollen die Aussöhnung mit Frankreich. Noch nie war das deutsche Volk in all seinen Schichten so bereit zu dieser Aussöhnung mit Frankreich wie heute. Und wir möchten, daß dieser Ruf ankommt und jenseits des Rheines gehört wird, weil er aus unserem Herzen kommt. Ich weiß, daß das französische Volk nicht anders denkt."

Hierzu gab Etzel ein recht nachdenkliches Beispiel: "Ich bin im vergangenen Jahr und in diesem Jahr durch weite Strecken Frankreichs gefahren. In jedem Dorf und jeder Stadt stehen die Male für die Gefallenen aus drei Kriegen mit Deutschland. Auf den alten Schlachtfeldern sind Millionen Menschen aller Völker begraben. Wenn ich durch Deutschland fahre, sehe ich in den Städten und Dörfern die gleichen Mahnmale. Alle diese Menschen haben in einem sauberen und ehrlichen Idealismus ihr Leben hingegeben. Sie töteten sich gegenseitig, obwohl sie sich nicht kannten, sich nie gesehen hätten, sich nicht haßten und nichts voneinander wußten. Man ehrt diesen Idealismus. Doch es scheint mir auch notwendig zu sein, daß die Menschen hüben und drüben lernen, sich des Tatbestandes der ständigen gegenseitigen Tötung von Menschen zu schämen. Ich habe nämlich bei all meinen Fahrten noch nie und nirgendwo ein Denkmal der gemeinsamen Begegnung gesehen. Das sollten wir bedenken, das sollten wir ändern

Die deutschen und ausländischen Industriellen quittierten diese Worte mit ungewöhnlich lebhaftem Applaus. Etzel hat mit diesen Sätzen Millionen Menschen aus der Seele gesprochen. In all der Zerrissenheit und dem gegenseitigen Anfeinden der Interessenten und politisierenden Gruppen in Wirtschaft und Politik, in Kunst und Wissenschaft wirkte es wohltuend, wie hier in schlichter Weise Brücken über Gegensätze geschlagen und gemeinsame Empfindungen angesprochen wurden.