Vor gut einem Jahr verkündeten die Pankower Marionetten den "neuen Kurs" mit paradiesischen Perspektiven. Von dem Schreck des 17. Juni erholten sie sich so schnell, daß sie schon kurz vor Weihnachten als Manifest des "sozialistischen Wohlstandes" ein umfassendes Produktionsprogramm für Bedarfsgüter veröffentlichten: mit automatisch schließenden Mülleimern, gut abgelagerten Zigarren, mindestens 34 Käsesorten, weißen Telephongehäusen und vielen anderen Attributen "planmäßig" wachsenden Reichtums. Weitere vier Monate später schien der Quell der irdischen Güter so munter zu sprudeln, daß Einheitspapst Ulbricht auf dem SED-Parteitag prophezeien konnte: Wenn ihr alle bis Silvester 1954 nur noch für eine kleine runde Milliarde unserer rubelgedeckten Ostmark zusätzlich Konsumgüter herstellt, spielen wir wieder einmal Preissenkung.

Man hat damit nicht einmal so lange gewartet. Zur Eröffnung der Leipziger Messe bescherte Otto Grotewohl seinen Untertanen eine Reihe niedriger Preise – leider nur für noch immer sündhaft teure Ladenhüter der HO oder für solche guten Waren, die es ohnehin kaum gibt. Kurz zuvor aber hatte das Einheitssprachrohr "Neues Deutschland" eine Zwischenbilanz über das Milliardenprogramm verlautbart. – der volkstümlich bescheidene Titel: "Es ist noch viel für die Milliarde zu tun." Noch bescheidener ist der Inhalt: Der Pankower "Braintrust", die Staatliche Plankommission, "hat keinen Überblick über die realisierbaren Verpflichtungen". Der Hauptproduzent, das Ministerium für Maschinenbau, weiß noch nicht, "was eigentlich zur Kategorie der Massenbedarfsgüter zählt". Material "von oben" zu erwarten, ist parteiamtlich "der falsche Weg". Nehmt Abfälle und Altstoffe, ihr findigen Genossen! Und stört euch nicht etwa an der kleinen Panne der Plankommission, die es "versäumt" hat, "bei den Planvorschlägen für 1955 die erfolgreiche Erfüllung des Milliardenprogramms vorauszusetzen". Wenn nur die Initiative der Arbeiter "geweckt" wird, dann wird schon alles werden...

Solche atemberaubenden Erfolge haben nun auch noch die sowjetdeutschen Statistiker in Zahlen, über die Planerfüllung im zweiten Quartal dieses Jahres zu bestätigen versucht. Danach wurden vom April bis Juni dem Werte nach volle 19 v. H. mehr Konsumgüter hergestellt, als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, dem armseligen letzten Quartal des "alten Kurses". Und während des zehn Tage langen rauschenden Messefestes an der Pleiße haben die 91 Mitglieder und 44 Kandidaten des SED-Zentralkomitees im Ostberliner "Haus der Einheit" darüber gebrütet, wie sich dieses rasende Aufbautempo in 1955, dem letzten Jahr des ersten sowjetdeutschen Fünfjahrplanes, fortsetzen läßt.

Mangels ausreichender Bestände an Aufbauerfolgen proklamieren sie: "Die gesamte Industrieproduktion muß sich gegenüber 1954 um mindestens 10 v. H. erhöhen. Dabei soll besonders die Produktion von hochwertigen Massenbedarfsgütern steigen." Die Prozent-Rastellis weisen auch den Weg dorthin: die Arbeitsproduktivität eines jeden Werktätigen in den staatlichen Industriebetrieben muß auf mindestens 106,7 v. H. gesteigert werden, während die Selbstkosten um 3,6 v. H. sinken sollen. Mit anderen Worten: wir müssen wieder einmal kräftig an der Normenschraube drehen. Und außerdem – das hatte schon Grotewohl bei der Verkündung der Preissenkung gesagt – werft euren immer schnellerwachsenden Reichtum nicht etwa auf den Markt, sondern gebt ihn uns zu treuen Händen,, tragt ihn auf die Sparkassen, damit wir damit ein noch viel schnelleres Aufbautempo finanzieren können. "Schafft damit das Beispiel für ein einheitliches, demokratisches und friedliebendes Deutschland!" mahnen die Pankower Obergenossen. Schließlich sang auch noch die "Nationale Front" in einem Wahlaufruf zum 17. Oktober die gleiche Melodie lautstark mit: "Für strengste Sparsamkeit, für die Verminderung des Ausschusses in der Produktion, für die Erhöhung der Qualität der Erzeugnisse!"

Das also ist ein Jahr "neuer Kurs", durch Pankows eigene ultrarote Brille gesehen. gns.