Von Hansres Jacobi

Arthur Rimbaud –am 20. Oktober 1854 in der kleinen Ardennenstadt Charleville geboren – zeigt schon ungemein früh die ersten Spuren seiner eigenartigen Begabung. Als Vierzehnjähriger richtet er einen aus sechzig Hexametern bestehenden lateinischen Brief an den kaiserlichen Prinzen. Ein Jahr später erscheinen in einer Zeitschrift seine ersten französischen Verse. Das Jahr 1870 bringt die Entfesselung seiner dichterischen Genialität. Am 29. August verkauft er seine in zahlreichen Schulwettbewerben als erfolgreicher Gymnasiast erworbenen Buchpreise und fährt in der ersten Verwirrung des ausbrechenden Krieges nach Paris, wo er den Sturz der kaiserlichen Regierung mitzuerleben hofft. Das Abenteuer schlägt fehl, der verwahrloste Junge, in dem/niemand den Dichter von "Sensation" und ,,Ophélia" vermutet, wird im Gefängnis interniert und später nach Charleville zurückgebracht, von wo er zehn Tage nachher eine weitere erfolglose Flucht nach Belgien unternimmt. In jener Zeit schreibt er "Au Cabaret-Vert", "Rêve pour l‘hiver", "Ma Bohême" und "Le Dormeur du Val".

Die baldige Besetzung der Stadt durch die, deutschen Armeen bringt die erste Berührung Rimbauds mit den Deutschen. Ist sein Eindruck, bestimmt durch den Anblick der verhaßten Uniformen, zwangsläufig ein negativer, so sieht der Jüngling mit scharfem Blick hinter die Kulissen des deutschen Großmachttraumes. Die Richtigkeit, mit der der Siebzehnjährige die Folgen des preußischen Sieges, die politische, zum Weltkrieg führende Entwicklung und die Rückwirkungen der preußischen Politik auf das geistige und gesellschaftliche Leben des wilhelminischen Deutschland voraussieht, ist erstaunlich. Bei allen Ressentiments erkannte er die inneren Schwächen des nach außen starken Siegers doch mit objektiver Nüchternheit: "Die Deutschen sind uns unterlegen; denn je selbstherrlicher ein Volk ist, um so eher nähert es sich dem Abstieg. Die Geschichte beweist es. In dem Moment, wo eine Nation erobern will, aus sich selbst heraustreten will, um andere zu beherrschen, geht sie in den Selbstmord. Die Deutschen sind uns unterlegen auf Grund ihres Sieges, der sie abstumpft."

Die folgenden zwei Jahre sind entscheidend für Rimbauds dichterische Existenz. Im Februar 1871 unternimmt er einen weiteren Fluchtversuch nach Paris, beschreibt, erfolglos zurückgekehrt, in einem Brief seine neue Konzeption der Poesie. Im September 1871 kommt er erneut in Paris an; in seiner Mappe mit Gedichten findet sich "Le Bateau Ivre". In diesen Zeitpunkt fällt die schicksalhafte Begegnung mit Verlaine; nach einer Vagabundenfahrt durch Belgien und England, die die beiden Dichter die Höhen und Tiefen des Daseins erleben läßt, kommt es zum Drama in Brüssel: Verlaine schießt auf seinen Freund, als dieser sich von ihm für immer trennen will, und wird eingekerkert. Rimbaud, am Arm verwundet, schreibt in tiefer Abgesondertheit sein erschütterndes Werk "Une Saison en Enfer". Diese Dichtung ist gleichzeitig Höhepunkt und Abschluß: der erst Neunzehnjährige griff nie wieder zur Feder.

Nachdem Rimbaud die Kontinente des Dichterischen erforscht hat, bricht er zum Abenteuer des Lebens, zur Eroberung der Welt auf. Die dazu erforderlichen Sprachkenntnisse führen sehe zweite Begegnung mit Deutschland herbei. Um die deutsche Sprache zu erlernen, nimmt er in den ersten Tagen des Jahres 1875 die Stellung eines Hauslehrers in Stuttgart an. Das denkwürdigste Ereignis dieses Aufenthaltes ist das Wiedersehen mit Verlaine und die endgültige Trennung von ihm. Abgesehen von dieser zweifelhaften Begegnung stand Rimbauds Deutschlandaufenthalt auch sonst unter keinem allzu hellen Stern. Das Leben in der bürgerlichen Arztfamilie, deren Söhne er zu beaufsichtigen hatte, mußte dem abenteuerfreudigen Lehrer zur Qual werden. In seinen Briefen äußert sich sein Haß gegen den Zwang dieser Stellung und gegen die fremde Mentalität der Deutschen. Die württembergische Gemütlichkeit ist dem erlebnishungrigen jungen Franzosen ebenso zuwider wie die preußische Arroganz der deutschen Besatzung in Charleville. Der Wesensunterschied ist zu groß, als daß Rimbaud sich einzuleben vermöchte. Das Reisefieber packt ihn wieder. Nach vier qualvollen Monaten verkauft er seine Habseligkeiten und bricht zu Fuß gegen Süden auf. Er durchquert munter Süddeutschland und die Schweiz und gelangt nach Italien, wo man ihn wieder zwingt, nach Frankreich zurückzukehren.

Immer wieder versucht er den Orient zu erreichen und dreimal noch berührt er deutsches Gebiet als Sprungbrett in diesen traumhaften Erdteil. Im April 1877 reist er unter dem Vorwand, seine deutschen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen, nach Wien, um von hier über den Balkan weiterzukommen. Aber auch diesmal ist das Schicksal gegen ihn: Er nimmt sich einen Fiaker, bewirtet den Kutscher und wird zum Dank von dessen Freunden bestohlen. Ohne Mittel treibt er sich in den Kaffeehäusern am Ring herum, verkauft an der Kärtnerstraße und am Stephansplatz Schlüsselringe und Schuhbänder, bis er mit einem Polizisten in Konflikt gerät. Er wird an die bayerische Grenze abgeschoben, von der deutschen Polizei an die lothringische Grenze befördert und dort freigelassen.

Doch hält es ihn nicht lange in den Ardennen. Zu Fuß bricht er nach Norden auf, durchquert Holland und kommt nach Hamburg, wo er hofft, sich auf einem Dampfer nach dem Orient einschiffen zu können. Statt an Bord eines Schiffes landet er jedoch beim Zirkus Loisset, den er auf einer Skandinavientournee begleitet. Im Frühjahr 1878 versucht er ein letztesmal, von Hamburg nach dem Nahen Osten zu gelangen. Ohne Erfolg. Erst im Herbst desselben Jahres gelingt es ihm, von Genua aus Alexandrien zu erreichen, nachdem er vorher durch die Vogesen und im Schneesturm über den Gotthard marschiert war.

Damit beschließt Rimbaud endgültig seine europäische Zeit, in der seine Beziehung zu Deutschland eine Episode bildete. Sein weiteres Schicksal vollzieht sich unter der glühenden Sonne Afrikas, bis er schwerkrank nach Frankreich zurückkehrt, wo er am 10. Oktober 1891, erst siebenunddreißigjährig, stirbt. Er ist in Charleville begraben, dem er sooft entflohen ist.