In allem Spielerischen ist der Film dem Fernsehfunk weltenweit überlegen, in der ernsten Gestaltung kann er es mit dem Hörfunk nicht aufnehmen. Wo es aber gilt, eine Physiognomie sichtbar werden zu lassen, da ist er in seinem Element. Er kann, was jene anderen nicht können: aus dem Moment heraus, ganz unversehens sozusagen, Selbstporträts entwerfen lassen. Ein bedeutender Mensch, selbst noch neugierig auf die ungewohnte Begegnung mit der Kamera, wird aus seiner Scheu hervorgelockt, zu Aussagen gleichsam überlistet – und stellt, ohne sich dessen bewußt zu sein, sich selbst dar. Zweierlei ist zum Gelingen nötig: der Befragte muß wirklich eine geistige Figur sein, und der sokratische Frager muß seinen improvisatorischen Part souverän meistern. Ein solcher sokratischer Träger zeigt sich nun im deutschen Fernsehfunk an: es ist Paul Hühnerfeld. Er versteht die schwere Kunst, sich selbst zu eliminieren und doch da zu sein als der Widerstand, an dem sich der andere entzündet.

Wenn, wie in der vorigen Woche, Max Brod der Befragte in der "Bücherstube" ist, dann hat das Gespräch sein volles Gewicht. Denn Brod, der Gast aus Israel, hat sowohl die innere Festigkeit und Konstanz, die eine Physiognomie prägt, wie die Beweglichkeit des Geistes, die ihr das Leben gibt. Der Siebzigjährige (in Wahrheit aber Alterslose) ist Theaterleiter, gelehrter Forscher, Romancier, Essayist und noch manches andere; aber er ist das alles aus einer Mitte her, die sich erst zeigt, wenn er unbefangen zum Sprechen gebracht wird: aus der Mitte eines Daseins, das seiner Tradition ebenso gewiß ist wie seiner Unentbehrlichkeit für das Morgen.

Donnerstag, 21. Oktober, 22.30 aus Stuttgart:

Vor hundert Jahren starb der Schweizer Pfarrer Albert Bitzius, der sich als Erzähler Jeremias Gotthelf nannte und unter die unvergänglichen Gestalten der Weltliteratur einreihte. In die Hörfolge über sein Leben, die Erwin Ackerknecht entworfen hat, fügt Elsie Attenhofer Lesungen Gotthelfscher Prosastücke.

20.00 vom NWDR: Walter Mekkaners Hörspiel nach seinem Roman "Die Sterne fallen herab": "Die Feigenblatt-Gondel". – 20.00 vom SFB: Paul Hühnerfelds Hörspiel "Du selbst bist dein Feind". – 21.25 vom NWDR: Margot Guilleaume singt die Gretchenlieder von Verdi. – 22.20 aus Frankfurt: Walter Hilsbecher beschreibt das Erstlingswerk "Bonjour Tristesse" der 10jährigen Französin Franzöise Sagen. – 23.15 vom NWDR: Ernst Krenek dirigiert im Konzert "Das Neue Werk" seine Symphonie "Pallas Athene" (1954) und seine "Kantate für Kriegszeit" (1943).

Freitag, 22. Oktober, 20.00 vom Sender Freies Berlin:

Amilcare Ponchiellis "La Gioconda" in einer Aufführung des Turiner Rundfunks unter Antonino Viotto.