Fröhliche Optimisten wie Arnold Toynbee sagen, die Menschheit gehe jetzt auf der letzten, breiten Strecke des Weges zur "einen Welt" munter und unwiderstehlich voran. Als ob es da gar keine Unsicherheitsfaktoren gäbe! Gewiß, Asien schaltet sich, ob kommunistisch oder nicht, immer rapider in die technischen, rationalisierenden Lebensformen ein. Aber wie ist es mit Afrika? Hier traf die Invasion der europäischen Methoden ja nicht auf durchgeformte Hochkulturen wie in Indien, China, Japan oder Indonesien, die Partner im Ausgleich sein können, sondern auf die verschiedenartigsten magischen und rituellen, von keinem Bewußtsein geklärten Einzelhorizonte. Die Eingeborenen Afrikas sind, bis auf die vom Islam erfaßten, nach europäischen Begriffen "zurückgeblieben" oder "primitiv", und da die Europäer erst in der Zeit ihres kritiklosen Überwertigkeitskomplexes mit den Afrikanern bekannt wurden, sahen sie diese, je nach Temperament und Gemütsart, entweder als Halbtiere oder als Kinder an. Sie dressierten sie also entweder oder sie versuchten sie einzeln zu erziehen. Die Kolonialverwaltungen hielten mehr von der Dressur, die Missionare mehr von der Erziehung – und jeder glaubte seine Methode dadurch bestätigt, daß die Methode des anderen Schiffbruch erlitt. Nur in einem Punkte waren sich beide einig: daß mit den afrikanischen Göttern Tabula rasa gemacht werden müsse.

Gerade in diesem Punkt hat sich aber – schon lange vor Mau-Mau – die Verblendung aller Europäisierer herausgestellt, und es hat sich bitter gerächt, daß sich weder die Verwaltungen noch die Missionen um eine Verschmelzung afrikanischer und abendländischer Religiosität bemüht haben wie in Amerika, wo die Indios seit Jahrhunderten christianisiert und zivilisiert sind, ohne daß der Kontakt mit ihrer Urtradition abgerissen wäre. Man redete sich ein, die Afrikaner bestünden aus lauter Saulussen, die man mit dem Zauberstab der Predigt und dem Knüppel des Polizeisoldaten auf einen Schlag zu Paulussen machen könne – und war jedesmal verwundert, wenn die Bekehrung ganz andere Folgen hatte.

Wie diese Folgen aussehen, läßt sich wohl nur in Romanen darstellen, weil nur der Roman die Möglichkeit gibt, eine genügend große Zahl individueller Aspekte hervortreten zu lassen. Denn gerade der Afrikaner läßt sich nicht normen, weder soziologisch noch pädagogisch. Ihn erfaßt weder eine Statistik noch eine Massenpropaganda (es sei denn die im Namen der alten Götter). Darum muß sich, wer das Problem Afrika einigermaßen zutreffend stellen will, an die Romanciers wenden, die, wie so oft, auch in dieser Frage die Situation eher durchschaut haben als die Regierungen und die Kirchen:

Joyce Cary, "Aissa gerettet", Roman (Übersetzt von Rudolf Frank. Steinberg-Verlag, Zürich, 241S., Leinen 14,80 DM).

Joyce Cary, "Mister Johnson". Roman aus Nigeria (Übersetzt von Margret von Bismarck. Wolf gang Krüger Verlag, Hamburg, 253 S., Leinen 7,80 DM).

Stuart Cloete, "Afrikanische Ballade". Roman (Übersetzt von Karin von Schab. Wolf gang Krüger Verlag, Hamburg, 304 S., 11,80 DM).

Joyce Cary ist lange Zeit Kolonialbeamter in Nigeria gewesen. Der Widerspruch seines Amtes und seiner Erkenntnisse hat ihn zu dem großen Romancier werden lassen, der er ist. "Aissa gerettet" (müßte heißen "Aissa erlöst", englisch: Aissa saved) und "Mister Johnson" sind frühe Bücher von ihm, schon an die zwanzig Jahre alt, und gewiß nicht ohne Einfluß in Nigeria selbst geblieben. Man rühmt an Cary seine eminente Fabulierkunst. Doch eigentlich fabuliert er gar nicht. Er beschreibt. Er zieht ein paar Umrisse, und die Striche werden zu Gebilden, beginnen zu leben. Das tropische Land fängt an zu dampfen, die Weißen verfilzen sich in ihre Sorgen und Unzulänglichkeiten, Es brodelt in den Negerdörfern. Incipit tragoedia.