Zu den Kombinationen über das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und Rotchina wird die Veröffentlichung eines umfangreichen russischchinesischen Vertragswerkes vom 12. Oktober neue Argumente liefern. Das Wesentliche in der Neuordnung der Beziehungen, die in zwei gemeinsamen Erklärungen und sieben Abkommen festgelegt wurde, ist die Tatsache, daß die Sowjetunion Rotchina Gleichberechtigung zuerkennt und auf eine Reihe von Abmachungen, die mit seiner Souveränität nicht vereinbar sind, verzichtet. Hierzu gehört in erster Linie der Abzug der sowjetischen Truppen aus dem Kriegsmarinestützpunkt Port Arthur bis zum 31. Mai 1955.

Als souveränitätswidrig empfanden chinesische Kommunisten auch die Existenz der 1950 und 1951 gebildeten vier gemischten sowjetisch-chinesischen Produktionsgesellschaften. Die Chinesen, die in der ihnen aufgezwungenen sowjetischen Beteiligung eine imperialistische Ausbeutung erblickten, haben jetzt eine Änderung durchgesetzt. Die Sowjetunion tritt ihre Beteiligung mit Wirkung vom 1. Januar 1955 ab; der Wert der Anteile muß allerdings durch Warenlieferungen Rotchinas beglichen werden. Es handelt sich um folgende Unternehmen: "Gesellschaft für Organisation und Betrieb von Luftverkehrslinien", "Gesellschaft für Schiffsbau und Reparaturen im Dalny" (Dairen), "Gesellschaft zur Ausbeutung von Nichteisen- und seltenen Metallen in der Provinz Sinkiang" und "Gesellschaft zur Förderung und Verarbeitung von Erdöl in der Provinz Sinkiang." Der Verzicht der Sowjets auf die Beteiligung an den beiden letztgenannten Gesellschaften ist besonders bedeutungsvoll, da die an Bodenschätzen reiche Provinz Sinkiang in dem chinesisch-russischen Verhältnis ein besonders neuralgischer Punkt ist.

Der Erschließung dieser Bodenschätze dient das Abkommen über den Bau einer Eisenbahnlinie von Lantschau quer durch Sinkiang über Urumtschi bis zur sowjetischen Grenze, von wo die Sowjets den Anschluß an die Turksib (Turkmenisch-sibirische Eisenbahn) herstellen wollen. Der im Jahre 1953 begonnene Bauabschnitt von Lantschau bis zu dem Erdölzentrum Jümen ist nahezu fertiggestellt. An dem Bahnbau bleibt die Sowjetunion beteiligt, sie wird dabei "allseitige technische Hilfe" leisten. Ferner haben sich die Sowjetunion, Rotchina und die Mongolische Volksrepublik zum Bau einer Eisenbahn verpflichtet, die von Tsining in China nach Ulan Bator, der Hauptstadt der mongolischen Volksrepublik, führen soll, wo der Anschluß an die in die Sowjetunion führende Eisenbahnlinie hergestellt wird. Der Verkehr auf der Linie Tsining–Ulan Bator soll 1955 aufgenommen werden.

In einem weiteren Abkommen verpflichten sich beide Seiten, "einen Erfahrungsaustausch auf allen Gebieten der Volkswirtschaft durchzuführen und Fachleute zur technischen Hilfeleistung und zum Studium der Errungenschaften beider Länder auf wissenschaftlich-technischem Gebiet zu entsenden." Dieser "Austausch" dürfte auch in Zukunft einseitig von den Sowjetrussen bestritten werden.

Schließlich gewährt die Sowjetunion einen langfristigen Kredit von 520 Millionen Rubel (nach offiziellem-Kurs 130 Million Dollar) und verpflichtet sich, Rotchina bei dem Bau von 15 Industriebetrieben Hilfe zu leisten. Der Gegenwert der vereinbarten sowjetischen Lieferungen beläuft sich etwa auf 400 Millionen Rubel (100 Millionen Dollar). Diese Kreditbeträge sind, gemessen an den Milliardenkrediten, die die USA zur Förderung der Wirtschaft ihrer Verbündeten gibt, verschwindend klein. Immerhin scheint Chinas Industrialisierung auch schon bisher Fortschritte gemacht zu haben, wenn folgende vom Ministerpräsidenten Tschou En Lai vorgetragene Tabelle keine propagandistischen Übertreibungen enthält:

Produktion 1949 in Millionen Tonnen für 1954 erwartet Kohle 31,5 81,99

Stahl 0,16 2,17