Von Sabine Lietzmann

In der Fibel, aus der die Kinder zwischen Elbe und Oder das Lesen üben, stellt sich, wie andernorts auch, jeder neu zu lernende Buchstabe mit einem bunt gemalten Gegenstand vor, an dem er sich leicht einprägen läßt: am A klettert eine Ameise hoch, beim E trompetet ein Elefant, und vom F flattert eine Fahne – eine blaue natürlich, denn blau ist die Farbe von FDJ und Jungen Pionieren. Schon beim K aber gibt es keine Kartoffeln oder Kätzchen, sindern einen Kran. Hinter dem L braust eine Lokomotive, und über das T rollt ein Traktor. So präsentiert sich schon dem Abc-Schützen in der Sowjetzone die industrielle Umwelt ganz unversehens zwischen Spielzeug und Haustieren. Abzählreime und Pionierlosungen stehen einträchtig nebeneinander; im zweiten Schuljahr lesen die Kinder, wie das Eichhörnchen überwintert und wie Josef Stalin als Kind niemals vorsagte, und im dritten Schuljahr buchstabieren sie bereits Wörter wie "Preßluftbohrer" und "Fünfjahrplan" und setzen Ausrufezeichen hinter den "einfachen Satz": Jeder Friedenskämpfer haßt die Kriegshetzer! Die "Werktätigen" gehen dem Siebenjährigen ebenso glatt von den Lippen wie dem Elfjährigen der "Gebläsewind", und Fachausdrücke der Sowjetbiologie, wie "Mitschuringarten" und "jarowisiert", sind ihm kein Geheimnis mehr.

Von der Fibel bis zum Fachbuch wird hier absichtsvoll und gewissenhaft eine Welt unermüdlicher Betriebsamkeit aufgebaut, eine Welt, in der man sparsam, wachsam und, vor allem, fleißig ist. Das Hauptlaster der Bösen ist die Faulheit; woher denn, fragt das Fibelmärchen vom Schlaraffenland, "woher soll das alles kommen, wenn keiner arbeitet?" Und im zweiten Schuljahr buchstabieren die Kleinen: "Nur schlechte Menschen schaffen nicht." So arbeitet denn in Lesestücken und Übungssätzen jedermann, und die Kinder machen davon keine Ausnahme. Denn die Mutter "ist in der Schicht", der Vater ohnehin in der Fabrik, und auch die kleinen Mädchen wollen, wenn sie groß sind, Traktoristin, Schaffnerin oder Volkspolizistin werden. So steht es in der Fibel zu lesen. Und in den Arbeitsheften für den Deutschunterricht ("Unsere Muttersprache", Verlag Volk und Wissen, Berlin), die den Schüler vom zweiten bis zum achten Schuljahr begleiten, wird Rechtschreibung und Grammatik an Sätzen geprobt, die das amtlich erstrebte Leben genau vorzeichnen. Da werden die Kinder zu Jungen Pionieren, die kämpfen (für den Frieden, gegen den Kartoffelkäfer), einsparen (wen oder was? den Strom, die Kohle) und sich beeilen (um den Plan vorfristig zu erfüllen). "Alle helfen mit bei der Erfüllung des Fünfjahrplans", lesen sie im dritten Schuljahr; "sie fördern, schmelzen, bauen, pflügen, schmieden, befördern – und was tut ihr? Ihr lernt!" Überhaupt wird ein intimes Verhältnis zum "Plan" frühzeitig hergestellt; die Deklination des Adjektivs wird am "großen Plan" vorgeführt, und ein Abzählreim für die Kleinen heißt "Lieber Plan, lieber Plan, was hast du für uns getan?" Die Größeren konstruieren dann schon den Fragesatz: "Was hat die Regierung für uns Kinder getan?" Bei all diesem Kämpfen, Streben, Arbeiten sollen die Jungen Pioniere überdies; noch fröhlich sein, und die Übungsstücke sagen auch, warum: weil Wilhelm Pieck ihrer Schule seinen Namen verlieh (zweites Schuljahr) oder "weil der Verdienst des Landarbeiters dem Verdienst des Industriearbeiters angeglichen ist" (siebentes Schuljahr).

Die Formeln und der Sprachschatz dieser politisierten Welt führen in den Schulbüchern der Sowjetzone kein isoliertes Eigenleben. Sie drängen sich der natürlichen Umwelt des Kindes überall auf und werden aufs engste mit ihr verknüpft. Hund. Katze und Pionierhalstuch werden in einem – grammatikalischen – Atem genannt. Als Beispiel für "Adjektive als Attribute" stehen "weiße, rote und gelbe Rosen – die polnischen, tschechoslowakischen, ungarischen und bulgarischen Delegierten" friedlich nebeneinander; auf einer Seite folgt ein Gedicht über den Klapperstorch, aus dem die Konsonanten zu nennen sind, einem anderen über den Fünfjahrplan, bei dem es die Vokale zu zählen gilt. Als Exempel für die Doppelbedeutung eines Wortes steht der Wurf fünf kleiner Schäferhunde neben dem Diskusrekordwurf der Sowjetsportlerin Romaschkowa. Als "einfache Sätze" bieten sich die politischen Parolen der Wandtafeln und Transparente an, und die Konstruktion von Haupt- und Nebensätzen wird an einem Ulbricht-Zitat geübt. –

Dieses Bild einer "werktätigen" Welt, die schon dem Abc-Schützen seinen Platz im Fünfjahresplan zuordnet, wird in den Lehrbüchern der Spezialfächer in kräftigen Farben gleichsam wissenschaftlich ausgemalt. Dabei haben die Historiker nicht die geringste Mühe, denn die Linien marxistischer Geschichtsbetrachtung liegen seit langem fest. So bieten die Geschichtsbücher auch weniger Überraschung als die Erdkundehefte, bei denen die vom Lehrer verlangte "Parteinahme" an ganz unvermuteten Stellen hervorbricht. Was, denkt man etwa, gibt schon der Eskimo politisch her? Und doch liest man staunend im Erdkundeheft über "Amerika und Polargebiete", daß in Amerika die Eskimos "sich selbst überlassen" werden, und daß "infolge Krankheit und Seuchen ihre Zahl immer mehr abnimmt. Wie ganz anders sorgt da die Regierung der sozialistischen Sowjetunion für die Völker im Norden ihres Landes..."

Für die sowjetzonalen Geographen teilt sich die Welt nicht einfach in Kontinente. Seit der Oktoberrevolution gliedert sie sich vielmehr in volksdemokratische und kapitalistische Staaten. Dabei muß es – sich dann beispielsweise der Balkan gefallen lassen, daß er nicht als Einheit erscheinen darf: er ist teils bei den Volksdemokratien, teils – mit Griechenland und Jugoslawien – unter den kapitalistischen Ländern vertreten. Die Darstellung ist ganz danach: "Bis zum Jahre 1917 wurden alle Staaten Europas von Kapitalisten und Gutsbesitzern beherrscht", heißt es in der Einleitung zum ersten Europaheft. "Die Arbeiter und Bauern wurden von ihnen unterdrückt." So sei es auch heute noch in den westeuropäischen Ländern, wo die Werktätigen "ein elendes Leben führen".

Der Parteifunktionär schaut dem Geographen wachsam über die Schulter. Im Abschnitt über Polen stehen denn auch bei den "drei großen Seehäfen Szczecin, Gdansk und Gdynia" die deutschen Namen nicht einmal in Klammern mehr dabei. Und bei der Beschreibung der Sowjetunion schlägt die Darstellung in Hymnik um, vor allem natürlich bei der Moskauer Untergrundbahn, von deren Rolltreppen und marmorgetäfelten Bahnhöfen es heißt, daß "in keinem kapitalistischen Land der Erde ähnliche Einrichtungen für die Werktätigen geschaffen" werden. Ist "Ähnliches" dort doch einmal vorhanden, kann es nur schlechten Zwecken dienen, wie die breiten Straßen in Paris, die man anlegte, weil "die damals herrschende Schicht hoffte, in diesen Straßen besser Truppen gegen die Arbeiter einsetzen zu können". Und die Mähdrescher und Großsilos in USA und Kanada, äußerlich den sowjetischen nicht unähnlich, "dienen nicht wie in der Sowjetunion dazu, das Leben der werktätigen Menschen zu verbessern", sondern "die Gewinne der Großfarmer zu erhöhen". So pflegen auch die kanadischen Farmer ihren Boden nicht, sondern "nutzen ihn nur aus. Sie haben nur das Ziel, schnell reich zu werden, um dann das Land wieder zu verlassen und in der Stadt ein bequemes Leben zu führen", während die armen Holzfäller "im Dienste der großen Ausbeutergesellschaften ein hartes, entbehrungsreiches Leben führen".

Belehrung, Propaganda, Lüge und Märchen verschlingen sich hier zu einem unentwirrbaren Knäuel. Eine Welt entsteht, in der die Schulstube dem Parteibüro benachbart ist und in der alle Superlative ins Wunderland des Fortschritts weisen.