Washington, im Oktober

Am 2. November wählen die Amerikaner ihren neuen Kongreß. Nach Ansicht der meisten Beobachter ist aber der Wahlausgang schon am 11. Oktober entschieden worden, und zwar zugunsten der Demokraten. An diesem Tage machte der Verteidigungsminister Charles E. Wilson einen politischen Schnitzer, der voraussichtlich in die amerikanische Geschichte eingehen wird: In Detroit, wo er sich gerade aufhielt, veranstaltete er eine Pressekonferenz und beantwortete Fragen über die Arbeitslosigkeit in der Automobilindustrie, die augenblicklich recht akut ist. Die Journalisten wünschten zu erfahren, ob das Verteidigungsministerium in stärkerem Maße Rüstungsaufträge an die "Elendsgebiete" geben werde, wie man diese Bezirke der Arbeitslosigkeit nennt. Mr. Wilson antwortete darauf etwas außerordentlich Vernünftiges: Rüstungsaufträge müßten dorthin gegeben werden, wo man sie am besten ausführen könnte, und seien keine Arbeitslosenunterstützung.

Soweit gut. Aber unseliger Weise machte der Großindustrielle Wilson (er ist der ehemalige Prä sident von General Motors) hier nicht halt. Das stenographische Protokoll zeigt, daß er mit folgender Bemerkung fortfuhr: "Ich habe immer frei laufende Hunde lieber gehabt, als Hunde, die man im Zwinger verpflegen muß. Sie verstehen mich, ich meine, mir ist ein Hund lieber, der auf die Straße geht und selbst nach Nahrung sucht, als einer, der auf seinen Hinterbacken sitzt und jault."

Das amerikanische Wort für Hinterbacken – fanny – wird nur selten in feiner Gesellschaft gebraucht, obwohl es nicht geradezu verpönt ist. Immerhin wendet man es nur auf Menschen an. Tiere haben kein fanny. Indem Wilson es von Hunden gebrauchte, hat er seiner eigenen Partei, der Republikanischen, zwei Schläge auf einmal versetzt. Erstens beleidigte er alle, die mit dem Argument zu hausieren pflegen, die Republikaner seien kultiviertere Menschen als die plebejischen Demokraten. Zweitens, was recht viel ernster ist, ließ er durchblicken, daß sich die republikanische Partei keine Sorge über die Arbeitslosen macht.

Die Reaktion auf seine Äußerung erfolgte sofort und war katastrophal. Walter Reuther, der Präsident des mächtigen Gewerkschaftsverbandes C.I.O., schickte umgehend ein Telegramm an Präsident Eisenhower, in dem er verlangte, Wilson müsse angewiesen werden, sich "öffentlich zu entschuldigen" oder "sich vom politischen Leben zurückzuziehen". Andere Gewerkschaftsführer folgten auf der Stelle.

Viele republikanische Kandidaten, an der Spitze Senator Ferguson (Michigan), haben es für opportun gehalten, sich von Wilsons Bemerkung zu distanzieren. Der republikanische Gouverneur von Illinois kündigte an, er werde eine Verabredung mit Mr. Wilson zu einem Bankett in Chikago nicht einhalten. Allerdings änderte er seine Haltung, als der Minister sich bereiterklärte, eine Entschädigung abzugeben. Überall aber ist die Republikanische Parteimaschinerie in die Defensive geraten, während die Demokraten den faux pas des Ministers sehr geschickt ausnutzen.

Der Zufall will es, daß es in Amerika eine Hundefuttermarke gibt, die Wilson’s heißt. Die demokratischen Propagandisten verteilen Packungen dieser Marke in Arbeitsämtern und vor Fabrikeingängen. Ein altes Studentenlied, das mit dem Vers anfängt, "Oh, wo ist mein kleiner Hund geblieben?" ist zum Lieblingslied bei demokratischen Parteiversammlungen geworden. Gewerkschaftler marschieren in republikanischen Versammlungen mit Plakaten, auf denen Hunde abgebildet sind.