Der Kultusminister des Landes Rheinland-Pfalz, Dr. Albert Finck, erklärte in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz, im Drange der Amtsgeschäfte habe er "schon manchen Unsinn unterschrieben". Da das Ministerium umfangreiche Arbeit zu leisten habe, komme es auch vor, daß ein höherer Ministerialbeamter Schreiben herausgebe, die nicht ganz den Wünschen und Erfordernissen der Beteiligten entsprechen. So sei es denn auch nicht gerechtfertigt, den folgenden Brief an die große Glocke zu hängen:

Landesregierung Rheinland-Pfalz Ministerium für Unterricht und Kultus III 8 Tgb. Nr. 1403 Mainz, den 1.10.1954 An Herrn Robert Geimer, Schifferstadt d. d. Herrn Direktor der Päd. Akademie Landau Betreff: Ihre Anfrage vom 15. September 1954

In der Verfassung von Rheinland-Pfalz heißt es im Artikel 36: "Lehrer kann nur werden, wer die Gewähr dafür bietet, sein Amt als Volkserzieher im Sinne der Grundsätze der Verfassung auszuüben. Die Ausbildung der Lehrer erfolgt in besonderen, nach Bekenntnissen getrennten Lehrerbildungsanstalten, die vom Geist des betreffenden Bekenntnisses durchformt sein müssen."

Damit ist gesagt, daß das Leben des Lehrers im Einklang stehen muß mit seinem Bekenntnis. Als Katholik wußten Sie und mußten Sie wissen, daß Sie sich durch die Nichtbeachtung der Ehevorschriften der katholischen Kirche von ihr distanziert haben. Diese Tatsache, die für Ihre Einstellung als Lehrer entscheidend ist, haben Sie uns beim Eintritt in die Pädagogische Akademie verschwiegen. Sie nach Kaiserslautern zu überweisen, wird wenig Sinn haben, da auch die evangelische Kirche in diesem Punkte heute strenge Maßstäbe anlegt.

Wir haben deshalb nur die Möglichkeit, Sie zwar ggfls. zur Abschlußprüfung zuzulassen, können Sie aber keiner Bezirksregierung in Rheinland-Pfalz zur Anstellung vorschlagen und empfehlen.

Wir stellen Ihnen anheim, sich in einem anderen Bundesland um Einstellung in den Schuldienst zu bemühen. Im Auftrage: gez. Rothländer L. S. Der 34jährige Robert Geimer aus Schifferstadt in der Pfalz war im Herbst 1953 nach achtjähriger russischer Kriegsgefangenschaft mit dem Entschluß in die Heimat zurückgekehrt, Lehrer zu werden. Er studierte im Sommersemester 1954 an der katholischen Pädagogischen Akademie in Landau/Pfalz. Dann erklärte ihm Akademiedirektor Eckert, er habe wenig Aussicht auf Anstellung an einer der katholischen Bekenntnisschulen in Rheinland-Pfalz, da er als Katholik mit einer evangelischen Frau – nach evangelisch-katholischer Trauung im Jahre 1944 und somit ohne Verpflichtung, seine Kinder katholisch zu erziehen – die Genehmigung zur Erteilung von Religionsunterricht (missio canonica) nicht erhalten werde. Eckert empfahl Geimer, zur Evangelischen Pädagogischen Akademie in Kaiserslautern überzuwechseln.

Von den Schulen des Landes Rheinland-Pfalz, an denen rund 9000 Lehrerstellen bestehen, sind 49 v. H. katholische, 25 v. H. evangelische Bekenntnisschulen und 26 v. H. christliche Simultanschulen. Geimer, von den Eröffnungen Eckerts überrascht, schrieb am 15. September 1954 an die Referentin für Lehrerausbildung im Kultusministerium, Frau Regierungsdirektor Rothländer. Er erinnerte an seinen Besuch im Ministerium am 12. Januar 1954. Damals hatte Frau Rothländer dem Spätheimkehrer den Weg zur Akademie geebnet. Geimer bat nun, weil er "mit den neuen deutschen Verhältnissen nicht vertraut" sei, um "eine kleine Anweisung, wie ich mich in dieser Angelegenheit verhalten soll". Und dann kam als Antwort auf die bescheidene Anfrage des Heimkehrers jenes amtliche Schreiben, dessen rüder zurechtweisender Ton die Presse aufhorchen ließ.