Mehrere Kongreßausschüsse und die Staatsanwaltschaften in 26 USA-Staaten sind jetzt damit beschäftigt, Unregelmäßigkeiten bei der staatlichen Wohnungsbauförderung aufzudecken. Das weckt die Erinnerung an jene "goldenen" Zeiten, in denen Bauherren, Haus- und Grundeigentümer in enger Zusammenarbeit mit Beamten der Feierai Housing Administration (FHA) sich durch "608-Gelder" (so genannt nach dem Abschnitt 608 der Bestimmungen über die staatliche Förderung des privaten Wohnungsbaues) ein Vermögen erwerben konnten. Nach jenen Bestimmungen vom Jahre 1942 mußte die FHA die Bürgschaft für Anleihen übernehmen, die Banken und andere nichtstaatliche Geldinstitute an Privatunternehmer zum Bau, Kauf oder zur Verbesserung von Wohnraum gegen erste Hypotheken gegeben hatten. Die Höhe der Anleihen wurde auf Grund von Kostenanschlägen festgesetzt, die durch FHA-Beamte geprüft und gebilligt worden waren. Die Wohnungsmieten waren so berechnet, daß sie Amortisation und Verzinsung des vollen Anleihebetrages sowie Abnutzung der Wohnung und sonstige Unkosten einschlössen. Hingegen enthielt der Abschnitt 608 keine Bestimmung darüber, daß, falls die Baukosten unter dem Betrag der Anleihe blieben, der Überschuß zu einer Verminderung der Hypothek und zu einer Herabsetzung der Mieten verwendet werden müsse. Wenn also ein Unternehmer zum Bau eines Mietshauses eine von der FHA verbürgte Anleihe von 1 Million Dollar erhalten hatte, die tatsächlichen Baukosten aber nur 600 000 Dollar betrugen, so steckte der Unternehmer den Überschuß als Kapitalgewinn in seine Tasche. Bei einer Vermietung aller Wohnungen hatte er einen beachtlichen Mehrgewinn. Wurde aber wegen der teuren Mieten ein großer Teil der Wohnungen nicht bezogen, so fiel das Haus an die Bank, die es wiederum der FHA gegen Zahlung des noch ausstehenden Anleihebetrages zur Verfügung stellte. Die FHA erhielt also als Gegenwert für die von ihr zur Verfügung gestellte 1 Million Dollar ein Objekt, das nur 600 000 Dollar wert war.

Nach den Angaben des mit einer Nachprüfung beauftragten Internal Revenue Service wurde bisher festgestellt, daß bei 1410 Bauvorhaben Überschüsse von mehr als 110 Millionen Dollar in der Größenordnung von 20 000 Dollar bis zu 3,6 Millionen erzielt wurden, die zum größten Teil als "Kapitalgewinn" in die Taschen der Bauherrn, Haus- und Grundeigentümer flossen. Alle diese "Geschäfte" wurden dadurch begünstigt, daß ein großer Teil der Angestellten der FHA mindestens fahrlässig handelte. So mußte der von Präsident Eisenhower eingesetzte Säuberungskommissar schon wenige Tage nach seinem Dienstantritt den Chef der FHA, Guy T. O. Holliday, wegen schwerer Dienstvergehen entlassen. Ihm folgten sehr bald sechs weitere leitende Beamte in der Zentrale der FHA in Washington, unter ihnen Clyde L. Powell, durch dessen Hände nach Angaben des Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses des Senats Anleihen von nicht weniger als 6 bis 7 Milliarden Dollar gegangen sind. Nach dem abschließenden Bericht des Untersuchungsausschusses hat Mr. Powell hierbei nicht weniger als 100 000 Dollar "verdient". Ihm machte es daher gar nichts aus, in einer einzigen Nacht mehr als die Hälfte seines Jahreseinkommens im Glücksspiel zu verlieren. Als dieser Vorfall dem zuständigen Leiter der Rechtsabteilung der FHA, Burton C. Bovard, gemeldet wurde, erklärte dieser, "nach seiner Ansicht sei Teilnahme am Glücksspiel kein Verbrechen".

An sich haben diese Geschäfte in dem Augenblick aufgehört, als im Jahre 1950 Abschnitt 608 der FHA-Bestimmungen außer Kraft trat. Aber die Regierung Truman, unter der sich das lukrative Geschäft mit den "608-Geldern" abwickelte, hatte sich bemüht, möglichst wenig von diesem Skandal an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, und erst die Republikaner haben, gemäß ihrem Wahlversprechen, mit der "Korruption unter Truman" gründlich aufzuräumen, den Skandal vor aller Öffentlichkeit enthüllt. Doch sie übersahen, daß ihre demokratischen Gegner die Möglichkeit hatten, sie für den Mißbrauch des noch in Kraft befindlichen Titels I des Wohnungsbaugesetzes von 1950 verantwortlich zu machen, um hieraus politisches Kapital gegen die Regierung Eisenhower zu schlagen.

Auf Grund der Bestimmungen dieses Titels I können Hausbesitzer für Verbesserungen bei Einfamilienhäusern eine Anleihe bis zu 2500 Dollar, bei Mehrfamilienhäusern bis zu 10 000 Dollar erhalten. Die Baufirmen boten daraufhin ein Heer von Agenten auf, um möglichst viele Hausbesitzer zur Aufnahme derartiger Anleihen zu veranlassen. Selbstverständlich waren die Agenten gleichzeitig mit einem festen Angebot für bauliche Verbesserungen zur Hand, bei dem sie sich durch erhebliche Überpreise gesichert hatten. Da der Anleihebetrag von der FHA gebilligt sein mußte, ergaben sich ähnliche Möglichkeiten einer engen Zusammenarbeit zwischen Bauunternehmern und FHA-Beamten wie bei den "608-Geldern", allerdings mit dem Unterschied, daß in diesem Falle die Hausbesitzer die Leidtragenden waren. Der mit der Untersuchung dieser Fälle beauftragte Bundeskommissar Albert M. Cole erklärte, es seien viele Tausende von Hausbesitzern um Millionen von Dollar betrogen worden, wobei örtliche FHA-Angestellte entweder viel zu hohe Anleihen für geringwertige Arbeiten bewilligten, oder aber es unterließen, zu prüfen, ob die Kosten für die Verbesserungen eine faire Bezahlung darstellten.

Der stellvertretende Generalstaatsanwalt, Warren Olney, der die gerichtlichen Untersuchungen leitet, war in seinen Ausführungen noch deutlicher. Er sagte: "Schwindler, Betrüger und Verkäufer, die krumme Wege gehen, haben einen Ort nach dem anderen heimgesucht und Hausbesitzern schäbige Reparaturen zu gewissenlos übertriebenen Kosten aufgeschwatzt. In einigen Fällen wurden FHA-Anleihen dazu benutzt, um Terrassen und Schwimmbassins zu bauen, ja sogar um Alimente zu bezahlen."

Derartige mißbräuchliche Verwendungen der Anleihen sind durch eine vom Kongreß im Juli angenommene Abänderung der Bestimmungen des Titels I unmöglich gemacht worden. Für den Ausgang des Wahlkampfes am 2. November allerdings dürfte der Wohnungsbauskandal trotz aller gegenseitigen Vorwürfe keine größere Bedeutung haben, da beide Parteien belastet sind. Ernst Krüger