Von Georg Berkenhoff

Die Tauben waren schon schlafen gegangen, der Markus-Platz strahlte in Festbeleuchtung. Venedigs Stadtkapelle beherrschte mit "Freude, schöner Götterfunken" Platz und Lagune, und neben den Venezianern, den bezaubernden Venezianerinnen, den vielen prächtig uniformierten Soldaten, Matrosen und Polizisten blickten etwa 1500 Bürgermeister europäischer Länder auf den im Scheinwerferlicht liegenden, von Ehrentribünen flankierten Podest, auf dem die Stadtoberhäupter von Venedig, Nizza, Brügge, Locarno und Nürnberg sich die Hände reichten und die Formel des Verbrüderungseides sprachen: verpflichten uns am heutigen Tage feierlich: die ständigen Bande zwischen den Stadtverwaltungen unserer Städte zu bewahren, auf allen Gebieten den Austausch ihrer Einwohner zu unterstützen und durch eine bessere gegenseitige Verständigung das wache Gefühl der europäischen Brüderlichkeit zu fördern, unsere Bestreben zu vereinigen, um mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zum Erfolg dieses notwendigen Werkes des Friedens und des Wohlstands, zur europäischen Einheit, beizutragen." Dann erloschen schlagartig die Lichter, und bengalisches Feuer rief auf den weltberühmten Fassaden der goldenen Basilika, des Campanile, des Uhrenturmes und des Dogenpalastes neue phantastische Bildwirkungen hervor.

Drei Tage lang hatte der Zweite Europäische Gemeindetag im Palast des Dogen und auf der Insel San Giorgio Maggiore von der Selbstverwaltung der Gemeinden und sehr bald und bewußt auch von der hohen Politik gesprochen. Wer ist dieser "Rat der Gemeinden Europas", der sich in Venedig versammelte?

In Anknüpfung an den Rütli-Schwur, der der Sage nach, zur Gründung der schweizerischen Eidgenossenschaft führte, fand sich beim Grütli, nahe Seelisberg, am 1. Oktober 1950 eine Handvoll Männer zusammen, um mit einer neuen Eidgenossenschaft der Gründung eines europäischen Staatenbundes, aufgebaut auf einer freien Selbstverwaltung, dem Gemeindebürger zu dienen. Diese Persönlichkeiten waren die Schweizer Professoren Adolf Gasser, Vorkämpfer der Gemeindefreiheit, und Milhaud, der Stadtpräsident von Burgdorf (Schweiz) Franz Patzen, die Holländerin Frau A. de Jager, der Franzose Jean Bareth von der Bewegung La Federation und der deutsche Bundestagsabgeordnete Landbeck, früher Oberbürgermeister von Bielefeld.

Die Idee fand schnell Anklang. Schon im Januar 1951 war in Genf die eigentliche Gründungsversammlung des "Rates der Gemeinden Europas", an der sechzig Bürgermeister aus neun Ländern teilnahmen. 1953 verabschiedeten tausend Bürgermeister in Versailles die "Charta der europäischen Gemeindefreiheiten". Heute umfaßt die Organisation 50 000 Mitglieder. Die stärksten Sektionen sind neben der deutschen, Bundesrepublik Frankreich und Italien, aber auch Österreich, die Schweiz, Holland, Belgien, Luxemburg und die Saar sind vertreten, eine englische Sektion ist in Vorbereitung und aus Skandinavien und sogar Jugoslawien kommen einzelne Gemeindevertreter. In Venedig traten auch der Deutsche Städtebund und der Deutsche Gemeindetag dem Rat bei.

Der Grundgedanke des "Rates der Gemeinden Europas" war einfach und einleuchtend: Ein nur von oben her "gemachtes" Europa würde ein zweifelhaftes Gebilde sein. Europa muß wachsen aus dem Willen der Bevölkerung, die keine Ressentiments gegen den Menschen aus einem anderen Land mehr kennt. Darum: Kennenlernen der Gemeindebürger und Gemeindeverwalter über die Grenzen hinweg. "Als Staaten trennt uns alles, als Gemeinden bringt uns alles näher", hat Herriot, auch einer der ersten Förderer des Rates der Gemeinden Europas, gesagt. Und so setzten über die Staatsgrenzen hinweg die zunächst zweiseitigen Städteverbrüderungen ein, an denen auch zahlreiche deutsche Städte beteiligt sind. Da findet ein reger Austausch statt, nicht nur der Erfahrungen, Briefe und Erinnerungsgaben, sondern vor allem der Menschen selbst.

Die Gemeindeverbrüderungen haben allerdings gezeigt,daß die Gemeindefreiheit keineswegs überall wirklich vorhanden ist. In der Sicht des Schweizers ist schon in der Bundesrepublik vieles verbesserungsbedürftig. In Frankreich und Italien aber ist von einer wirklichen kommunalen Selbstverwaltung kaum zu sprechen. Darum hat der Rat der Gemeinden Europas bald erkannt, daß die Schaffung Europas allein noch nicht die Gemeindefreiheit sichert, sondern daß man rechtzeitig den Kampf um deren Einbau in die supranationalen Institutionen aufnehmen muß.