Von Indro Montanelli

Vor acht Tagen wurde aus Paris gemeldet, daß der Marquis de Cuevas, Gründer eines der berühmtesten Balletts unseres Jahrhunderts, Mäzen und Multimillionär, von einem Taxi angefahren wurde und einen komplizierten Beinbruch erlitt. Damit dürfte wohl die für diesen Herbst angesagte Deutschland-Tournee seiner Truppe in Frage gestellt sein.

Eines Tages feierte eine bis dahin unbekannt gewesene Tänzerin, Rosella Hightower, einen außerordentlichen Triumph im Empire Theatre in New York. Ihre Bewunderer verglichen sie mit Isodora Duncan und der Pawlovna. Unter dem Publikum, das sie stürmisch feierte, fiel besonders ein kleiner Herr im Frack auf, der, bleich, aufrecht und ohne Scheu laut schluchzte und sich mit einem weißen Taschentuch das feine, müde, wie aus altem Wachs geformte Gesicht trocknete, das von Tränen überströmt war. "Brrravo, Rrrosellà...", rief er mit schwacher Stimme, "brrrravo, Rrrrosellà..."

Es war der Marquis de Cuevas, Besitzer, Impresario und Direktor der Ballettgruppe.

Die Menschen führen immer zwei Gründe auf, wenn sie erklären wollen, warum "der Marquis" diese Tätigkeit ausübt, bei der er jährlich fünf- bis siebenhunderttausend Dollar zusetzt. Einige sagen, er täte es aus Leidenschaft, und die anderen sagen, er täte es wegen der hohen Steuern. Cuevas hat nämlich eine Enkelin des alten Rockefeller geheiratet, der ihr – und also auch indirekt ihm – die Kleinigkeit von 75 Millionen Dollar hinterließ. Fünfzig davon schnappte sofort der Fiskus, und die restlichen fünfundzwanzig Millionen würden über kurz oder lang denselben Weg gehen, wenn ihr Besitzer sie nicht zu etwas anderem verwendete, als dazu, bequem von ihren Zinsen zu leben. Und darum, sagt man, zöge es Cuevas vor, lieber den Impresario und den Ballettdirektor zu machen, statt sich sein Geld von dem Steueragenten aus der Tasche ziehen zu lassen. Und wenn das stimmt, so kann man ihm nicht ganz unrecht geben.

Kürzlich hat mich in Paris eine Dame meiner Bekanntschaft zu einem kleinen Empfang mitgekommen, den Cuevas seinen Freunden gab, um ihnen die junge portugiesische Pianistin, Do Nascimiento, vorzustellen. Anschließend folgte ein großes Abendessen für eine Unzahl weiterer Eingeladener.

Sein entzückendes Appartement am Quai Voltaire sieht auf die grünen Gärten der Tuillerien. Der Empfang wurde zu einer Art von Atlantikpakt, in jene gesellschaftliche Sphäre verpflanzt, wo man in einem großen vergoldeten Saale im Stile Ludwig des Sechzehnten die schönsten plebejischen Milliarden Amerikas mit den abgebranntesten Adelswappen Europas zusammensetzen konnte. Die Prinzessin Bibescu konversierte in einer Ecke mit Mr. Sturgess, während die Mrs. Deterting mit dem Marquis de Polignac scherzte. Cuevas empfing seine Gäste allein auf der Schwelle, denn seine Frau war "natürlich wieder nicht da ..., ich weiß wirklich, nicht, warum sie das immer so macht... Man Dieu, mon Dieu... je ne comprends pas ..." Er rang die Hände, dann aber reichte er sie gleich der nächsten eintretenden Dame "Chèrrri, chèrrri... ich bin so entzückt, Sie zu sehen ..."