Von Werner-Wilfried Koch

Werner-Wilfried Koch, Jahrgang 23, lebt in Köln. Er schrieb ein Schauspiel, das in Köln uraufgeführt werden soll, eine Oper, die Gottfried von Einem vertonte. Im Jahre 1953 erhielt er den süddeutschen Erzählerpreis.

Ich war damals im sechsten Jahre verheiratet. Meine Ehe war unglücklich. Ich weiß nicht mehr, wie es gekommen ist, aber eines Tages erwachte ich, und Inge war mir zuwider. Erst jetzt merkte ich, wie schrill ihre Stimme war; ich zuckte zusammen, sobald sie sprach. Auch war ihr Gang häßlich. Sie setzte ein Bein vor das andere, mechanisch, wie im Trott. Zudem langweilte Inge mich. Sie wußte nichts Neues zu sagen, nicht anders zu lieben und nur auf ihre tumbe Art zu fühlen; es war immer das gleiche.

Ich fragte mich, warum ich erst jetzt merkte, daß sie mir zuwider war. Aber ich fand keine Antwort. Es war, als sei ich aus langer, blinder Dunkelheit plötzlich erwacht. Zwar hatte sie mich immer schon gequält: sie wollte ein Kind von mir, aber ich lege auf Kinder keinen Wert. Ich hatte Inge immer gesagt, daß ich keine Kinder haben wollte, und wenn sie geglaubt hatte, ich würde meine Meinung darüber während der Ehe ändern, so war das ihr Fehler. Ich entsinne mich nicht, jemals diesen absurden Glauben in ihr gefördert zu haben.

Genau zu dieser Zeit begann ich, zu trinken. Ich gebe zu, daß ich zuviel trank. Natürlich, wenn ich donnerstags zum Kegeln ging, war das etwas anderes. Von jeher wußte Inge, daß ich donnerstags meinen Kegelabend hatte, daß ich trank, daß ich erheitert nach Hause kam und sie weckte ... Mag sein, daß ich nach Alkohol roch. Mag sein, daß sie müde war, wenn ich nach Hause kam. Aber warum hatte sie mich geheiratet, wenn sie müde sein wollte. Ein Kind, das wollte sie. Aber müde war sie immer.

Wir stritten uns nie. Unsere Nachbarn bildeten sich daher ein, unsere Ehe sei gut. Aber wir stritten uns nur deshalb nicht, weil Inge mir gleichgültig geworden war. Sie konnte mir sagen, was sie wollte, es erregte mich nicht. Nur verlangte ich, daß sie nach außen hin den Schein einer normalen, gut gehenden Ehe wahrte. Denn da ich eine nicht unwesentliche Position in unserer Stadt einnehme, bin ich vom Urteil der Leute abhängig.

Eines Abends, kurz vor Mitternacht, klingelte das Telephon. Ich saß in meinem Zimmer, eine Schnapsflasche neben dem Sessel, ich rauchte und trank. Ich konnte mir nicht denken, wer um diese Zeit noch anrief. Ich – ließ den Apparat fünfmal schrillen in der Hoffnung, der Anrufer würde wieder einhängen. Meine Zunge war schon schwer, und vielleicht rief der Oberstadtdirektor an. Ich hätte mich mit ihm unterhalten müssen, und es konnte sein, daß er meine Trunkenheit bemerkte. Das wollte ich nicht. – Dann nahm ich den Hörer doch ab.