Während sich der Frankfurter DGB-Kongreß noch mit der Frage der "Vollbeschäftigung" befaßtemacht man sich in Bonn im Zusammenhang mit den Londoner Beschlüssen bereits Sorge über die Deckung des in Zukunft zu erwartenden Mehrbedarfs an Arbeitskräften. Bereits heute sind Facharbeiter in einer langen Reihe von Wirtschaftssparten knapp, und hinzu kommt, daß die Quelle des jugendlichen Arbeiternachwuchses von Jahr zu Jahr weniger ergiebig wird. Binnen drei Jahren werden außerdem 500 000 Jugendliche als Soldaten aus dem Produktionsprozeß ausscheiden.

Jeder Staat, der eine Wehrmacht unterhält, Waffen und sonstiges Rüstungsmaterial herstellt, entzieht seiner Wirtschaft wertvolle Arbeitskräfte. Als vor zwei Jahren der Beitritt der Arbeitskräfte. blik zur zwei bevorstand, wurde von einigen Seiten der "unproduktive Verbrauch" menschlicher Arbeitskraft begatellisiert. Man glaubte, in dem sich damals zäh haltenden Bestand von rd. 1,3 Millionen Arbeitslosen ein ausreichendes Reservoir an Menschen zu besitzen.

Nach dem Abschluß der Londoner Konferenz sind die Meinungen über die voraussichtliche Verlustquote an menschlicher Arbeitskraft ernster und besorgter geworden. Zwar stehen die Einzelheiten noch nicht fest, aber es scheint, als ob die Truppenkontingente etwas höher und Rüstungsaufgaben etwas umfangreicher werden, als nach den Verträgen zur EVG. Jedenfalls wird der Menschenbedarf für Waffendienst und Waffenschmiede nicht gering sein.

Die künftigen Belastungen treffen auf eine Arbeitsmarktlage, in der sich bereits ein Facharbeitermangel spürbar macht. Dieses Fehlen fachlich vorgebildeter und beruflich besonders erfahrener Kräfte konzentriert sich nicht nur auf überdurchschnittlich beschäftigte Wirtschaftszweige (wie Metallindustrie und Baugewerbe), er erstredet sich auf alle industriellen und handwerklichen Berufe. Ein paar Zahlen mögen die Situation charakterisieren: Ende August 1950 gab es 125 000,1954 nur noch 52 000 arbeitslose Metallarbeiter. Das Angebot arbeitsloser Ingenieure und Techniker verringerte sich in der gleichen Zeit von 20 575 auf 7595. Die heute im gesamten Bundesgebiet registrierten 2568 arbeitslosen Maurer bedeuten so gut wie nichts; vor vier Jahren waren es noch 13 175.

Der Facharbeitermangel ist keine Erscheinung der augenblicklichen Bedarfslage. Das zeigt schon die Entwicklung vom Überangebot zum Mangel während der letzten Jahre. Die Notwendigkeit, für eine Vielzahl von Arbeitslosen unterschiedlicher Berufsvorbildung vordringlich Arbeitsplätze einzurichten, hat einen hohen Beschäftigungsstand geschaffen, aber die zur Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität erforderlichen Rationalisierungen vernachlässigt. Alle Bestrebungen, die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhalten, laufen darauf hinaus, durch Investitionen den technischen Ausbau der Betriebe zu modernisieren. Die Rationalisierungsmaßnahmen beanspruchen auch Facharbeiter in größerer Zahl.

Für die Rüstungsindustrie besteht ebenfalls ein (in Zahlen noch unbekannter) Bedarf an Facharbeitern. Zum Teil braucht sie sogar Fachkräfte mit spezieller Ausbildung. Da noch vor zehn Jahren Deutschlands Wirtschaft ausschließlich für die Rüstung gearbeitet hat, sollte es nicht schwierig sein, ehemalige Spezialisten für Rüstungsbetriebe herauszufinden. Aber die Besatzungsmächte haben nach Kriegsschluß die Rüstungswerke demontiert und die Facharbeiterschaft diskriminiert: es galt als "Kriegsverbrechen", in der Rüstungsindustrie beschäftigt gewesen zu sein. Wohin sind z. B. die besonders ausgebildeten Metallflugzeugbauer verschwunden? 6600 gab es bei der Arbeitsbucherhebung 1938 – und bei Kriegsende noch ganz beträchtlich mehr. Sie sind in dem Vielerlei der Berufsbezeichnungen. eines Metallarbeiters untergetaucht, um als schlichte Schlosser oder Mechaniker an den Erzeugnissen friedlicher Wirtschaft zu arbeiten.

Für die vielfältigen Aufgaben: Export, Produktions- und Konsumgütererzeugung, Aufrüstung und Aufstellung militärischer Formationen mit ihrem gewaltigen Troß an Zivilpersonal aller Art besteht ein solcher Bedarf an Menschen, daß nicht allein von einem Mangel an Facharbeitern, sondern von einer kommenden Verknappung an Arbeitskräften überhaupt gesprochen werden muß. Das Ausschöpfen der Reserven – es sagt sich so leicht hin – wird nur wenig einbringen. Als wichtigstes Reservoir gilt die Arbeitslosigkeit. Ende September haben die Arbeitsämter 822 500 Arbeitslose gezählt. Der Anteil der Männer beträgt nur noch 461 000 Arbeitslose, davon wohnen 59,5 v. H. in den arbeitsungünstigen Grenzländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern. Seit 1949 hat die Zahl der arbeitslosen Männer um mehr als die Hälfte abgenommen (bei den Frauen beträgt die Abnahme nur 24 000). Berücksichtigt man weiter, daß nach früheren Feststellungen rd. 62 v. H. der arbeitslosen Männer voll arbeitsverwendbar, davon aber nur 40 v. H. für die Aufnahme auswärtiger Beschäftigung fähig oder bereit sind, so läßt sich errechnen, wie dünn dieses Reservepolster geworden ist.