Etwas reicher scheinen bisher die Quellen des unsichtbaren Arbeitsmarktes zu fließen. Ohne Zweifel nimmt die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer stärker zu als die Arbeitslosenzahlen abnehmen. Vorwiegend rekrutiert sich der Zugang an Arbeitnehmern aus Schulabgängern, die also neu in das Erwerbsleben eintreten, aus Flüchtlingen der Sowjetzone und aus dem Kreise der „selbständigen Berufslosen“. Dieses statistische Konglomerat hat für den Arbeitsmarkt insofern Interesse, als es Studenten und sonstige in schulischer Ausbildung stehende Jugendliche enthält. Die gleichfalls miterfaßten Rentner, Pensionäre und Anstaltsinsassen dürften nur sehr begrenzt für eine erneute Arbeitnehmertätigkeit in Betracht kommen. Man darf sich nicht dadurch täuschen lassen, daß diese Gruppe heute stärker als vor dem Kriege in der Bevölkerungsgliederung rangiert.

Notwendig wird sein, durch industrielle Standortverlagerungen die Arbeitskräfte zu gewinnen, die in den Zonengrenzgebieten wohnen und nicht „verpflanzbar“ sind. Die Beachtung einer sogenannten „Pulverlinie“ wäre arbeitspolitisch bedauerlich. Bei der Bedrohung mit Atomwaffen kann man sich eine halbwegs sichere Pulverlinie nur unter der Erde vorstellen. Umschulung und berufliche Fortbildung stellen die Arbeitsverwaltung vor neue Aufgaben. In Zusammenarbeit mit der Industrie gilt es, das jugendliche „Treibholz des Arbeitsmarkts“ nachträglich in berufliche Ausbildung zu bringen. Es handelt sich dabei vorwiegend um Gelegenheitsarbeiter, die wegen Mangels an Berufskenntnissen meist nur kurzfristige Arbeitsverhältnisse ausüben können und häufig arbeitslos werden. Auch sonst könnte das Anlernen geeigneter Ungelernter in betriebsnaher Ausbildung den Mangel an Fachkräften lindern.

Die Erfahrungen aus der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches sind noch gut für die Gewinnung fachlich geeigneter Arbeitskräfte verwendbar. Keinesfalls dürfen aber die Methoden der „Menschenbewirtschaftung übernommen werden. Die Gefahr, daß der „Kommißstiefel“ die zivile Wirtschaft zertrampelt, besteht nach allem bisher Gehörten über Tempo und Art der Aufrüstung nicht. Aber militärische Stellen haben leicht die Neigung, ihren Bedarf an die erste Stelle zu rücken. Wenn gegenüber solchen vermeintlichen Vorrechten beharrlich an den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft festgehalten wird, dann bilden Arbeitskraftmangel und Aufrüstung keine unlösbaren Probleme. Walter Salzmann