II. Moskaus "Palast der Wissenschaften" – Die Kirche in Not – Das teure Leben

Von Horst Stellmann

In unserer letzten Ausgabe begann der Bericht eines deutschen Studenten, der auf Einladung des Internationalen Studentenbundes (ISB) im August dieses Jahres als Beobachter zu einer Tagung nach Moskau flog. Obwohl die meisten nationalen westlichen Studentenverbände schon bald nach der 1946 erfolgten Gründung aus dem ISB austraten, weil sein Kominformkurs ihnen nicht paßte, hatten sie über hundert Beobachter zu der Moskauer Tagung entsandt. Unser Referent schilderte die offen auf der Tagung diskutierten Meinungsverschiedenheiten. Sein Bericht schloß mit Beispielen aus der Praxis des sowjetischen Schulunterrichts.

Man zählt 33 Universitäten in der UdSSR. Die naturwissenschaftlichen Fakultäten stehen dabei im Vordergrund. Nehmen wir die Moskauer staatliche Lomosonov-Universität: sie ist die älteste und wohl auch die größte Universität des Landes und feiert im nächsten Jahr ihr 200jähriges Jubiläum. Etwa 6000 Studenten beschäftigen sich hier mit den humanistischen Wissenschaften, also mit Historik, Philologie, Philosophie, Ökonomie und Jura. Hinzu kommen 3000 "Fernstudenten". 12 000 Studenten kommen sich dagegen den Naturwissenschaften. Während die Humanisten mit den alten Gebäuden vorliebnehmen müssen, haben die Naturwissenschaftler im vergangenen Jahr die gerade fertiggestellte neue Universität auf den Leninbergen bezogen.

Hier ist auf einem Gelände von 320 Hektar in vier Jahren ein Prunkstück sowjetischer Architektur geschaffen worden. Hunderte von Moskauern und Besuchern aus allen Teilen des Landes kommen täglich, diesen "Palast der Wissenschaften", wie der Bau auch stolz genannt wird, anzusehen. Man darf ihn aber nur mit einem besonderen Besucherausweis betreten.

Mitunter, wenn wir in einem der 108 Fahrstühle fuhren, geschah es, daß auf irgendeinem Stockwerk eine Ausweiskontrolle der Fahrstuhlinsassen stattfand. Der riesige Komplex überragt ganz Moskau. Das Hauptgebäude erreicht mit seinen 34 Stockwerken und der 57 Meter hohen Spitze die beachtliche Höhe von 230 Metern. Da die Universität obendrein noch auf der höchsten Erhebung der Stadt errichtet ist, ist sie weithin im Land sichtbar und verspricht ein neues Wahrzeichen der Stadt zu werden. Jedenfalls wird sie schon heute zu den größten Sehenswürdigkeiten neben dem Kreml, dem Lenin-Mausoleum und der Metro gezählt. Man betritt sie durch das Marmorportal, gelangt durch Marmorhallen und Freitreppen zu den Hörsälen und Studienräumen; man findet dann ein Theater, das mit seiner technischen Einrichtung und seiner Eleganz der Bühne einer westdeutschen Mittelstadt alle Ehre machen würde. Aber auch die Hörsäle und Forschungsstätten sind auf das Modernste eingerichtet. Fachliteratur aller Länder findet der Student in den wissenschaftlichen Büchereien; ich entdeckte darunter auch chemische, geologische und andere wissenschaftliche Zeitschriften aus Westdeutschland.

Akademische Freiheit