R. St., Bonn, Ende Oktober

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hatte in diesen Tagen zwei Anlässe zum Feiern: die Einweihung ihres neuen Verwaltungsgebäudes in Bad Godesberg und die Tatsache ihres fünfjährigen Bestehens. Wie in jedem Jahre, wenn die Forschungsgemeinschaft ihren Jahresbericht vorlegt, kamen auch diesmal die Prominenten der Politik und der Wirtschaft und versicherten die Männer der Wissenschaft ihrer Anerkennung und Unterstützung. Sowohl der Bundesinnenminister wie der Sprecher der Kultusministerkonferenz, Minister Schütz von Nordrhein-Westfalen, bekannten sich zur Selbstverwaltung der Forschung. Ihre Arbeit dürfe durch keinen staatlichen Dirigismus eingeengt werden.

Aber hinter dem Rednerpult, verborgen durch den festlichen Schmuck, schmorte ein heißes Eisen. Der Bundespräsident scheute sich nicht, es anzufassen. Er tat es mit der Vorsicht, die ein heißes Eisen im allgemeinen und die Würde seines hohen Amtes im besonderen ratsam erscheinen lassen. Es haben sich nämlich gewisse Betreuungs-Egoismen in der Konkurrenz zwischen Bund und Ländern bei der Unterstützung der Forschung herausgebildet. Der Präsident der Forschungsgemeinschaft, Professor Kaiser, hatte denn auch kurz vorher in der "Deutschen Universitätszeitung" unter dem Titel "Falscher Föderalismus" zu prüfen empfohlen, "ob alles das, was heute unter Berufung auf das Grundgesetz als Föderalismus praktiziert wird, von diesem Gesetz wirklich gefordert wird und den über allen Organisationsformen stehenden Zielen unserer Verfassung entspricht".

Die Aufgaben der Forschung sind zu 90 Prozent internationaler Natur und können nur durch eine koordinierte finanzielle Anstrengung des Bundes, der Länder und der Wirtschaft bewältigt werden. Das erkannte in Godesberg auch der Sprecher der Kultusministerkonferenz an. Aber es müsse "die überragende Bedeutung, welche die Hochschulforschung für das gesamte Gefüge der deutschen Forschung" habe, gesichert bleiben, und die Hochschulforschung sei nun einmal den Ländern anvertraut. Immerhin gab Minister Schütz zu, daß eine Koordinierungsstelle geschaffen werden müsse, die einen Überblick über alle Forschungsvorhaben hat und sämtliche Maßnahmen zu ihrer Förderung aufeinander abstimmt.

Wie steht es in Wirklichkeit? Die Länder, die nach dem Umsturz sich der Max-Planck-Gesellschaft angenommen hatten, weigern sich nun, den Bund an der Finanzierung der Gesellschaft zu beteiligen. Und doch würde der Bund auf dem Wege über die Max-Planck-Gesellschaft manchem Forschungsvorhaben an dieser oder jener Universität oder Technischen Hochschule zu Hilfe kommen können. Aber es gibt eben Föderalisten, denen solche Hilfe nicht so wichtig scheint wie die Reinerhaltung des föderalistischen Prinzips. Deshalb hat man ja auch das Königsteiner Abkommen zur Förderung der Forschung, das im Jahre 1949 für fünf Jahre abgeschlossen worden war, 1954 kurzerhand für weitere fünf Jahre erneuert und dadurch den Kampf gegen den Bund ausdrücklich proklamiert. Daraufhin setzte der Bundesfinanzminister seinen Zuschuß für die Deutsche Forschungsgemeinschaft von 3 Millionen auf 2,5 Millionen herab, Der Haushaltsausschuß des Bundestages, weniger ressentimentgeladen, ließ es bei den 3 Millionen. Das ärgerte wieder die Länder. Sie hatten die Absieht gehabt, ihren Zuschuß von 6 auf 8 Millionen zu erhöhen, begnügten sich aber nun mit einer Zuwendung von 6,5 Millionen. So wurde die Deutsche Forschungsgemeinschaft der Prügelknabe für die Eifersüchteleien zwischen Bund und Ländern.

Professor Raiser bezeichnete das krampfhafte Festhalten an diesem System als "falschen Föderalismus", man kann ihm darin nur recht geben, Auch der Bundespräsident, der sich zwar von Raisers sehr deutlichen Worten distanzieren mußte, meinte, die Konkurrenz um eine gute Qualität der Fakultäten sei richtiger Föderalismus, aber es gebe nur eine deutsche Forschung, nicht eine niedersächsische oder hessische.

Nehmen wir den Kultusminister Schütz beim Wort! Er hat recht: Wir brauchen eine Koordinierungsstelle für die Aufgaben der Forschung. Schon der Vorsprung des Auslandes in der Forschung zwingt uns dazu. Will man nicht sämtliche aus öffentlichen Mitteln subventionierte Forschungsstätten in einer zentralen Verwaltung betreuen, dann sollte man wenigstens eine Vereinbarung zwischen möglichst vielen Hochschulverwaltungen schaffen. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft müßte in diesem geistigen Verkehrsnetz noch mehr als bisher der "großartige Verschiebebahnhof" sein, wie der Bundespräsident sie nannte.