Sozialisten, die ihre theoretischen Forderungen abstrakt, gleichsam "im luftleeren Raum", entwickelten, haben (außer der Kreditwirtschaft) auch die Versicherungswirtschaft sozialisieren wollen. Über die Zeit solcher utopischen Forderungen sind wir ja nun wohl hinaus; der theoretisierende Sozialismus ist nicht im geringsten mehr attraktiv, und der ("praktische") Sozialist von heute, gewitzigt durch mannigfache Erfahrungen aus der Zeit des totalitären Regimes und der Zwangswirtschaft, denkt (mit Schaudern – so, wie wir alle) an das Bild einer verstaatlichten und damit also bürokratisierten, schwerfällig und unlustig arbeitenden Riesenapparatur, an deren Schaltern sich die Formulare für 80 Millionen Versicherungsfälle – das ist der Bestand, der Individualversicherung im Bundesgebiet heute – zu Bergen häufen. Schon der bloße Gedanke, daß die Einziehung der Prämien künftig unter der Leitung von Assekuranz-Obersekretären durchgeführt werden müßte, kann schweres Alpdrücken hervorrufen. Noch schlimmer aber wäre es mit der Schadensregulierung, die nach einer Verstaatlichung der Versicherungswirtschaft in eine hoffnungslose Lage geraten würde: hier die weitgespannten Forderungen der (meisten) Versicherten – nach der (aus der sozialen Pflichtversicherung) hinlänglich bekannten Devise: "habe ich schon Prämien bezahlt, werde ich mir ja auch mein gutes Geld vom Staate wiederholen dürfen!" – und da die bürokratische Pedanterie, die jeden Bagatellfall noch "exakt" abwickeln möchte, ohne Rücksicht auf die daraus erwachsenden Verfahrenskosten... ...

Also, wie gesagt, eine solche, Sozialisierungs-Gefährdung besteht wohl nicht mehr für die Individualversicherung, die wesensmäßig der sozialverpflichteten Marktwirtschaft zugehört – wie das auf der Jahrestagung des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft von Dr. Plath in einer sehr klaren Gedankenführung höchst eindringlich (und dabei erfreulich unpathetisch) entwickelt und dargestellt wurde. Wer aber nun etwa glaubt, daß die Individualversicherung, deren wirtschaftspolitische (und speziell kreditpolitische) Linie geradezu identisch mit der des Bundeswirtschaftsministeriums (und der Bank deutscher Länder) ist, der marktkonformen Sympathien Prof. Erhards in ganz besonderem Maße sicher sei, wurde durch die weiteren Ausführungen des Gesamtverbandspräsidenten Dr. Plath auf der Tagung in Hannover sehr schnell eines anderen belehrt. Der Minister fürchtet nämlich Kartell- und Monopoltendenzen im Versicherungsgewerbe. Wenn er es einmal über sich gewinnen könnte, die ökonomischen Realitäten in der Versicherungswirtschaft unvoreingenommen zu studieren, würde ihm wohl sehr schnell klarwerden, daß gewisse Notwendigkeiten (wie insbesondere: Risikenverteilung und Erschließung von Rückversicherungsmöglichkeiten) ein Streben nach monopolistischer Marktbeherrschung bei den Versicherern gar nicht aufkommen lassen.

Dafür aber, daß die Versicherungsgesellschaften einen möglichst gleichartigen Konditionen-Rahmen schaffen, darf man sie ja wohl nicht schelten – täten sie es nicht, so wäre ihnen ja der Vorwurf sicher, daß sie bewußt die Konkurrenz untereinander durch mangelnde Vergleichbarkeit der Tarife ("fehlende Markttransparenz") ausschalteten ... Für den Wettbewerb in den "freien" Sparten der Versicherungswirtschaft – zu denen die in einem Zwangskartell gebundene Kraftfahrversicherung natürlich nicht gehört! – sorgt einmal die "liberalisierte" ausländische Konkurrenz, und zum anderen die gesetzliche ("soziale") Zwangsversicherung. Und schließlich gibt es ja noch ein Bundesaufsichtsamt! Warum dann also noch zusätzlich eine Anti-Kartellaufsicht wirksam werden soll, ist für den "Normalverbraucher" in der Marktwirtschaft nicht recht erfindlich. E. T.