Stuttgart, Ende Oktober

Im dritten Akt des Lukretia-Dramas von Giraudoux fällt das Wort: "Wenn ihre Reinheit echt gewesen wäre, würde sie sich über die Posse lustig gemacht haben." In der Tat hat "Um Lukretia" einen possenhaften Zug. Die römische Dame Lukretia erdolchte sich, weil sie wirklich entehrt wurde. Hingegen die Gattin des kaiserlichen Staatsanwalts traf dieses Schicksal nicht, sondern man suggerierte ihr nur, daß sie es erlitten habe. So hätte man, zumal in Anbetracht des pointenreichen Dialogs und der oft erheiternden Konstellationen in den Beziehungen zwischen der seraphischen Lucile und der mehr als erfahrenen Paola, ein Happy-End erwarten können. Doch Giraudoux, der mehr will und ist als ein Lustspielautor, führte eine tragische Lösung herbei: Lucile vergiftet sich, obgleich das mit ihr getriebene Spiel aufgedeckt wird. Sie endet ihr Leben, weil sie erkennt, daß sie in die Gemeinschaft der Frauen, in diese gewöhnliche Welt, in die sie ihre Feindin hineinstoßen wollte, nicht hineinpaßt, und daß ihr Mann, der korrekte Beamte, mit dem sie sich in der Höhe ihres Gefühls verbunden glaubte, in Wirklichkeit auch nichts weiter als einer dieser gewöhnlichen Menschen ist.

Die tragische Lösung des Konflikts ist zwar des Dichters würdig, aber zu wenig vorbereitet. Darum schwächt sich die Wirkung des Dramas im letzten Akt bedeutend ab. Der Zuschauer ist enttäuscht, weil ein Konversationsstück plötzlich zur Tragödie wird, weil zunächst Lucile als eine Komödienfigur angelegt erscheint. Wie sie von ihrer ganzen Umgebung absticht, ihrer ernsten, ja statuenhaften Haltung wegen, das wurde von Edith Heerdegen ohne Überbetonung, allein durch Haltung, schon im ersten Akt ins Komische getrieben, wenn sie Armands Annäherung gegenüber schweigt, und zwischen ihm, durch Willy Reichmann so gut wie möglich in seiner Schwäche dargestellt, und ihrer schnippischen Freundin Eugerie, von Karin Schlemmer gespielt, amüsante Pointen fallen. Wenn dann ihr, der in Weiß gekleideten Unschuld, die rote, kalte Paola der Irmgard Forst gegenübertritt und ihre Intrige beginnt, wäre dieses Spiel zwischen Weiß und Rot wohl ernster aufgefaßt worden, wenn Rot den Weibsteufel stärker herausgekehrt hätte. So blieb mindestens bis zu der unerwarteten und effektvollen Einschläferung Luciles der Lustspielcharakter erhalten, Lucile also Komödienfigur und im Unrecht gegen die anderen. Da der Zuschauer nun erwartet, daß Lucile die von ihm gewußte Täuschung erkennen wird, bleibt auch im zweiten Akt das Interesse an der Spannung hängen, statt an Luciles Unglück, das sich ja bald in Glück verwandeln wird. Das bevorstehende Duell zwischen Armand und dem zur Lösung dieses Knotens eingeschalteten großspurig-zynischen Grafen Marcellus (Waldemar Leitgeb) ändert gleichfalls nichts an der Lustspielhandlung. Man delektiert sich nach wie vor an der Brillanz des Dialogs und harrt der gefälligen Bonmots. Der Staatsanwalt, Luciles Gatte, deus ex machina des dritten Aktes, wie alle Männer nur ad hoc eingefühlt (Kurt Nogall), gibt Lucile erst das Übergewicht und die Gelegenheit zum tragischen Spiel. Diese Wendung überdeckte die umweltbedingte Komik einer engelhaften Frauengestalt und brachte erst die bedeutende spielerische Leistung der Heerdegen zur Geltung.

Trotz seiner Schwäche, die keine noch so gekonnte Regie heilen kann (Fritz Brückemeier schien dies bei der Premiere des württembergischen Staatsschauspiels auch nicht zu beabsichtigen) – wird Giraudouxs nachgelassenes Stück als ein interessantes Konversationsstück, und um seiner menschlichen Problematik willen, dort Erfolg haben, wo eine gute Besetzung der tragenden Frauenrollen möglich ist. Oskar Jancke