Porträt des großen Clowns

Von Kees van Hoek

Wir hatten die dressierten Hunde bewundert und die Steptänzerinnen, hatten unsere Hälse verrenkt nach der Seiltänzerin in ihrem knappen Kostüm und dem Jongleur mit den brennenden Fackeln. Dann bildeten plötzlich alle Lampen einen lichterstrahlenden Triumphbogen, und der ganze Zirkus, zum Bersten voll, wurde von Erwartung gepackt: die Ehrfurcht der Masse vor dem Ruhm – Grock war im Begriff, seinen Auftritt zu machen. Der Applaus begann von den entferntesten, höchsten Bänken herunterzuprasseln wie Hagel, er wuchs zum Sturm, um den kleinen, koboldartigen Mann, der in die Arena watschelte. Sein Hut sah wie ein Filzpudding aus, sein Kragen war ein halbes Dutzend Nummern zu groß für seinen runzligen Hals, ein absurder Schlips baumelte über der falschen Hemdbrust, die Jacke mit den abfallenden Schultern hielt eine Sicherheitsnadel zusammen, groß wie eine Hand, die viel zu weiten Hosen in schreienden Karos reichten ballonartig bis zu den Schuhen, die platt wie die Schwimmhäute einer Ente waren.

Er stand da, scheu für einen Moment, ein breites, seliges Lächeln über seinem rosigen Clowngesicht: der glücklichste Mensch! Er rannte zurück, um ein Monstrum von einem Reisekoffer in die Arena zu schleppen, aus dessen enormen Tiefen er eine ganz kleine Violine holte.

Grock hatte seinen zwanzigtausendsten Auftritt. Oder war es der dreißigtausendste? Schon seit dem Beginn unseres Jahrhunderts hat er Vorstellungen gegeben und war schon vor dem ersten Weltkrieg, was er heute noch ist, da er sich endgültig vom Zirkus zurückzieht, der größte Clown unserer Zeit.

Im Privatleben heißt er Dr. h. c. Adrian Wettach. Seit dem Tode seiner Eltern hat er seine Villa in St. Maur in der Nähe von Paris vermietet; hält sich ein Appartement in Lausanne und lebt, wenn er nicht auf Tournee ist, in der herrlichen Villa Bianca auf einem Hügel über Oneglia bei San Remo, mit dem Blick auf das Mittelmeer. Nach vorsichtiger Schätzung müssen ihn mindestens 30 Millionen Menschen auf der Bühne gesehen haben. Einmal hatte er auf sechs Jahre hinaus feste Engagements, von Rio bis Moskau, vonChikago bis Kairo. Er ist in den Falles Bergère mit der Mistinguette aufgetreten und war Clou der Cochran-Revuen in London. In Madrid brachten seine Possen die Königin so zum Lachen, daß der Storch im Schloß ein paar Tage vor Programm einkehrte. Hitler und de Gaulle lachten Tränen über ihn. Bei einem Diner sagte ihm sein Tischnachbar Winston Churchill einmal, nur ein Engländer könne ein so großer Clown sein. Das Kompliment traf allerdings nicht zu, denn die Muttersprache des Schweizers Grock ist Französisch, wenn er auch Englisch, Deutsch, Italienisch ebenso wie Spanisch und sogar Ungarisch ohne Akzent spricht; denn in seiner "verpfuschten" Jugend war er zwei Jahre lang französischer Sprachlehrer (und Fechtmeister) der Söhne des ungarischen Ministerpräsidenten, Grafen Bethlen.

Adrian Wettach kam in Reconvillier, einem Dorf von Uhrmachern im Berner Jura, zur Welt. Nur einmal hielt er es sechs Wochen im eigentlichen Beruf seines Vaters aus. Wie ihr berühmter Sohn, hatten die Eltern mehrere Eisen im Feuer, waren meist Wirtshausbesitzer, aber dann und wann auch Amateurartisten überdurchschnittlicher Begabung, Seine Schwester war Konzertpianistin, einen Beruf, den seine einzige in New York lebende Tochter aus seiner glücklichen Ehe mit einer italienischen Primadonna auch ergriffen hat.