Hamburg, die größte Stadt der Bundesrepublik, hätte nach 1945 die Statthalterschaft für Berlin als deutsche Theatermetropole übernehmen müssen. Es ist nicht geschehen, obwohl es hätte geschehen können. Schon 1946, als Gustaf Gründgens eben aus russischer Haft entlassen worden war, erkannten die Weiterblickenden in Hamburg, daß nur er als Kristallisationspunkt für ein repräsentatives deutsches Theater in Frage kam, das ja nichts anderes sein konnte als eine Fortführung und Ausweitung dessen, was eben Gründgens am Preußischen Staatstheater geleistet hatte. Aber ein Einspruch der Besatzungsmacht verhinderte die in Aussicht genommene Berufung von Gründgens zum Intendanten des unversehrt gebliebenen, schon durch seinen Namen zur Repräsentanz verpflichteten Deutschen Schauspielhauses. Zwei Jahre später wurde eine abermalige Gelegenheit aus Ängstlichkeit verpaßt: der damalige Kultursenator, der mit der Neubesetzung der vakant gewordenen Stelle betraut war, fragte Gründgens wohl um Rat über mehrere Kandidaten, wagte es aber nicht, ihm selbst die Intendanz anzutragen. Schon damals, 1948, hätte Gründgens eine Berufung angenommen. Für ihn ist Hamburg die Stadt gewesen, in der er (unter Erich Ziegel an den Kammerspielen der zwanziger Jahre) künstlerisch gereift ist, und diese ganz persönliche Bindung hat einen inneren Kontakt begründet, der bei ihm – auch nach dem doppelten Fehlschlag – zur Verwirklichung drängte. Nun endlich ist der Zugriff gelungen. Der Kultursenator Dr. Biermann-Ratjen stand vor der nicht leichten Entscheidung, den im Sommer 1955 ablaufenden Vertrag mit dem Intendanten Albert Lippert – einem, nehmt alles nur in allem, sehr erfolgreichen Intendanten – zu erneuern oder Gründgens zu berufen. Er hat das zweite gewählt, und Gründgens hat sich in Düsseldorf gelöst. Über die Ära Lippert wird hier noch zusprechen sein. Für heute sei nur gesagt: sie findet nicht aus Lust am Wechseln ein Ende, sondern nur deshalb, weil Gustaf Gründgens zur Verfügung stand. Und das war der einzige zureichende Grund.

C. E. L.