Die letzten Wochen standen im Zeichen der Jugend. Aus den verschiedensten Ländern wurden erstaunliche Leistungen von jüngeren Leuten gemeldet, und was besonders angenehm dabei auffiel, war die Bescheidenheit, mit der die erfolgreichen Sportsleute das ihnen gezollte Lob hinnahmen. Auch Deutschland konnte mit seinen jugendlichen Repräsentanten zufrieden sein. Wenn Heinz Fütterer auch gerade nicht mehr zur Jugend gehört, so können wir uns doch im Namen des Leichtathletiknachwuchses über seine großen Triumphe in Japan freuen. Seine Läufe über 100 und 200 Meter, bei denen er sowohl den Weltrekord einstellte, wie den seit 26 Jahren bestehenden deutschen Rekord verbesserte, zeigen sehr deutlich, daß wir nun wohl bald endgültig den Anschluß an die Weltklasse wiedergewinnen werden.

Las man die Kritiken über das enttäuschende Abschneiden unserer Repräsentativelf (es ist pein-(ich, wenn ein neugebackener Weltmeister die folgenden Länderspiele verliert, ganz gleich, welche Entschuldigungsgründe man dafür auch anführen kann), so hatte man schließlich doch das Gefühl, daß das verlorene Spiel eine große neue Hoffnung brachte. Und zwar einzig und allein der beiden jugendlichen Hamburger Spieler wegen, Stürmer und Seeler‚ von denen man erhofft, daß sie die Stützen für eine neue deutsche Nationalmannschaft und Weltmeisterelf sein werden. Der eine der beiden zählt erst siebzehn Lenze, der andere ist knapp neunzehn Jahre alt, sie haben also im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft für sich. Wenn sie nun nicht verdorben werden durch Starallüren, hübsch bescheiden bleiben und Sport wirklich als Sport betreiben! könnten wir wohl damit rechnen, daß sie die abgekämpften und müde gewordenen Männer unserer Landesmannschaft mit Erfolg abzulösen imstande sind.

Als Vorbild könnte den beiden frischgebackenen Nationalspielern ein junger Schwede dienen, der kürzlich in Budapest eine der schwierigsten Übungen gewann, die das olympische Programm kennt: den modernen Fünfkampf. Pierre de Coubertin, der ihn ersann, nannte ihn "das Sakrament des vollendeten Sportlers". Er besteht aus je einem Wettbewerb in Reiten, Fechten, Schießen, Schwimmen und einem 4000-Meter-Geländelauf; er ist der männlichste von allen olympischen Einzelwettbewerben. Die Schweden hatten seinerzeit um einen derartigen Wettbewerb gebeten (1924), und er wurde erklärlicherweise eine ausschließliche Domäne des Militärs. In Budapest aber wurden die Soldaten, unter ihnen die besten Fünfkämpfer der Schweiz, Ungarns und Rußlands, von dem nur neunzehnjährigen Schweden Björn Thofelt überzeugend geschlagen, der noch niemals gegen internationale Konkurrenz angetreten war. Als man den neuen Weltmeister nach dem Kampf fragte, was er nun im Sport vorhabe, antwortete er: "Ich habe keine anderen Pläne, als meine Schule zu beendigen und dann etwas Vernünftiges zu lernen. Was bedeutet es schon, Weltmeister zu sein?" Man kann vor diesem jungen Kerl nur den Hut ziehen und hoffen, er möge sich diese Haltung immer bewahren. Oft hat man so vernünftige Worte im Sport nicht gehört, am wenigsten von den Alten.

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Schweden hat noch einige besonders talentierte jugendliche Sportler. Da ist der neunzehnjährige Bengt Nilsson, der mit einem Sprung von 2,11 Meter einen neuen Europarekord im Hochsprung aufstellte und damit auch den Weltrekord erreichte. Fachleute behaupten, er sei noch lange nicht an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angekommen und sie erwarten für das nächste Jahr weitere Erfolge. Doch damit nicht genug, noch ein Schwede, ein knapp Fünfzehnjähriger, schiebt sich im Hochsprung an die Weltklasse heran: Jan Petersson, der spielend 1,90 überwand. Als Dritter im Bunde erscheint in dieser Konkurrenz ein sechzehnjähriger Russe, mit Namen Berscin, der, obwohl selbst nur 1,63 Meter groß, leicht über 1,95 Meter hinwegsprang. Man darf auf einen interessanten Kampf in Melbourne gespannt sein, und Amerika, das bislang in diesen Disziplinen vorherrschte, wird sich sehr anstrengen müssen, um ehrenvoll zu bestehen.

Daß die Jugend auch in internationalen Meisterschaften immer mehr nach vorn drängt, ist ein gutes Zeichen für den Sport. Vorausgesetzt natürlich, daß man die Gefahren nicht übersieht, die Jugendlichen drohen, wenn sie allzufrüh in das Rampenlicht großer Feste gerückt werden. Denn nicht alle sind so vernünftig wie der neue Weltmeister im modernen Fünfkampf, der nette Björn Thofelt.

W. F. Kleffel