Es gibt Weltliteratur, und es gibt Allerweltsliteratur. Daß Erich Maria Remarque eben doch nur zu dieser zweiten Kategorie gehört, beweist sein jüngster Roman:

Zeit zu leben und Zeit zu sterben. 398 Seiten, Leinen 14,80 DM, Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin.

Da erzählt uns Remarque von einem jungen deutschen Landser, der in Frankreich und Afrika dabei war und jetzt, 1943, im Osten steht. Er bekommt Urlaub, fährt heim und findet dort ein von Bomben und Furcht und Terror gequältes Deutschland. Eine Jugendgespielin, der er begegnet, wird für ihn das große Erlebnis der Liebe, des Friedens und der Menschlichkeit, doch er muß zurück an die Front, wo er wenig später fällt.

Im Ablauf dieses Geschehens passiert nun alles, was überhaupt passieren konnte. Nichts fehlt: Weder der untergetauchte Jude noch der zynische SD-Mann, weder der Denunziant noch der ehemalige SPD-Anhänger. Sämtliche Möglichkeiten des Sterbens werden vorexerziert, sämtliche Gemeinheiten jener großen Zeit sind registriert. Eine ungeheure Addition aller Art von Unheil.

Aber wie beiläufig wird das alles aufgezeichnet! Eine ganze Seite dieses Blattes könnte gefüllt werden mit Hinweisen auf sachliche Unrichtigkeiten. Da läßt der Autor in Rußland so viele feindliche Flugzeuge herumschwirren, wie es das nur im Westen gegeben hat. Ein Kreisleiter ist etwa 23 oder 24 Jahre alt. Das Abendkleid einer Dame beginnt durch ein einziges Zündholz derart zu brennen, daß die Dame schwere Verletzungen erleidet. Die Organisation in Deutschland – Transport, Feuerwehr, Evakuierung – wird so beschrieben, wie sie tatsächlich erst im Frühjahr 1945, aber nicht schon zwei Jahre vorher war. Eine Junkersmaschine wirft für eine einzelne, völlig versprengte Kompanie ein paar Verbandspäckchen ab. Und vieles andere mehr.

Die Dialoge sind von der Biegsamkeit trockenen Holzes, und sie versetzen den Leser zuweilen von der Ostfront in einen Zirkel halbwüchsiger philosophischer Dilettanten. Die Beschreibungen wirken meist besser, doch ersticken sie häufig an Überfüllung; das scharf gesehene Detail ist immer noch stärker als die möglichst lückenlose Aufzählung. Überhaupt redet Remarque zu viel und bildet zu wenig. Da gelingt zum Beispiel (bei der Beschreibung eines Luftangriffes) ein ungemein packendes Bild: "... Graeber sah plötzlich einen Luftschutzwart, der lautlos auf ihn einschrie. Graeber schrie zurück und hörte sich nicht. Der Luftschutzwart schrie lautlos weiter und machte Zeichen. Graeber winkte ab und zeigte auf die beiden Kinder..." Doch was der Leser nun sowieso vor sich sieht, wird im folgenden Satz noch erläutert: "Es war eine gespenstische Pantomime." Genau das ist eben zu viel.

Was an diesem Buche nicht stimmt, ist jedoch nicht nur das sachliche und das stilistische Detail; uns scheint vielmehr, als sei es – im Vergleich zu Böll, Schroers, Zand und vielen anderen – ohne ausreichende sittliche Legitimation geschrieben worden, und deswegen stimmt es von Grund auf nicht. ihm, dem Autor, haben unsere Sünden niemals wehgetan, und über ein solches Manko vermag auch Routine nicht hinwegzutäuschen.

Herbert Eisenreich