St. v. S., London, Ende Oktober

Die Londoner Motor Show, die 39. dem Personenwagen gewidmete britische Automobilausstellung, ist – mag schon die Fülle der gebotenen Objekte (zu denen auch Wohnanhänger, Motorboote und Bootsmotoren gehören) beeindruckend sein – vor allem aus dem Grund bemerkenswert, weil wieder einmal die Probe aufs Exempel erbracht wurde, daß der ausgesprochene Kleinwagen (was die Briten. selbst als Baby-car bezeichnen) nicht das geeignete Objekt für die Verkehrsmotolisierung ist. Die britischen Kleinwagen – dargestellt bisher vom Austin "A 30", dem Morris "Minor" und dem Standard "Eight" (alle drei mit 0,8-Liter-Motoren) – hat nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Das Publikumsinteresse wandte sich, wenn nicht stärkere Modelle gefragt wurden, vor allem dem Ford "Popular" zu, der wohl nach heutigen Begriffen als völlig überlebt und als konstruktiv, da z. B. noch reiner Starrachser, veraltet zu gelten hat, aber mit 4500 DM Verkaufspreis im Inland (also mit der sehr hohen Purchase-Tax) eben doch weit billiger als der in der Preisliste zunächst folgende Austin "A 30" mit seinen 5470 DM ist. (Nebenbei, um das Handicap für die ausländischen Marken zu kennzeichnen, die Inlandspreise für unsere deutschen Leichtwagen: VW-Standard 6900 DM, VW-Export 7940 DM, DKW-Sonder-Hasse 10 900 DM. Kommentar überflüssig!)

Die britische Industrie hat die Konsequenzen gezogen. Wenn sie auch die Produktion der oben anführten Typen nicht eingestellt hat, so stellte sie diesen doch stärkere neue Modelle zur Seite: Austin den "A 50" (1,5 Liter), Morris den "Cowley" (1,2 Liter) und Standard den "Ten" (1 Liter). Die übrigen neuen Modelle der britischen Industrie gehören fast alle der Mittelklasse an, was schon darauf hindeutet, daß sie in erster Linie als Exportobjekte zur Gewinnung ausländischer Märkte gedicht sind. Ein 2,6-Liter bei Austin (Typ 90"), ein neuer Hillman mit 1,4-Liter-Hängeventilmotor (Typ "Minx VIII"), der 1,6 Liter Lanchester "Sprite" und der Wolseley 2,6 Liter (Modell "6-90") gehören zu dieser Gruppe. Ihnen schließt sich allerdings auch ein Anglo-Amerikaner an, der Nash "Metropolitan", der in England von Austin gebaut, aber nur nach den USA exportiert und dort von Nash verkauft wird. Es handelt sich um einen Vierzylindertyp von 1,2 Liter Hubraum und 42 PS Leistung, mit Kastenrahmen, einzelgefederten Vorderrädern und ausnahmslos europäischen Konstruktionsmerkmalen, allerdings amerikanischer Außenform, die jedoch auf ein in den USA bisher noch kaum bekanntes kleines Maß zusammengeschrumpft ist.

Die auf dieser Ausstellung sichtbar werdenden Tendenzen sind schnell aufgezählt: Wie schon gesagt, ist der Übergang zum Fahrzeug mit mindestens 1 Liter Hubraum und zu der Mittelklasse unverkennbar, auch ist allgemein die Erhöhung der Motorleistung (ohne Vergrößerung des Motorhubraums) festzustellen. Viele Typen werden serienmäßig oder zumindest auf Kundenwunsch mit Schnellgang ausgerüstet, einige Wagen haben automatisches Getriebe (Armstrong-Siddeley, Bentley, Lanchester und Rolls Royce). Nach wie vor wird dem Sportwagen oder zumindest dem sportlichen Fahrzeug großes Interesse entgegengebracht. In dieser Beziehung ist eine neue Sportwagenmarke (von einem Amerikaner finanziert) entstanden: Swallow Doretti (mit einem 2-Liter-Wagen unter Verwendung des Triumph-Motors). Kieft, die bekannte Fabrik von Formel III-Rennwagen, hat in einem 1,1-Liter auch ein neues Sportfahrzeug (sogar als Vollschwingachser) entwickelt.

Fünf fremde Nationen sind mit 29 Marken vertreten, darunter Westdeutschland durch Auto Union-DKW, BMW, Borgward, Mercedes-Benz, Porsche und VW, also mit dem stärksten Aufgebot seit Kriegsende. Der hohe Zoll macht die deutschen Wagen sündteuer. Sie kosten hier (mit Purchase Tax) nach deutschem Geld nachstehende Summen: Borgward "Isabella" 12 920, Mercedes-Benz 180 (bzw. 180 D) 19 530 (bzw. 20 600) DM, Mercedes-Benz 220 23 300 DM und Porsche 21 200 DM (zu 11,50 DM je (Pfund umgerechnet). Wenn trotzdem die (allerdings spärlich) eingeführten deutschen Wagen bisher leicht verkauft werden konnten, so mag das als Beweis für ihre Qualität gewertet werden, außerdem als Anerkennung seitens der Engländer, daß die deutschen Konstruktionen besonders neuzeitlich sind.