Das SED-Regime begnügt sich nicht damit, die Kunst in seinem Machtbereich im Sinne volksnah-aktivistischer Tendenz zu steuern. Es nährt sie auch mütterlich und führt ihr sorglich neuen Stoff zu. Sogar der Musik, deren Stoff bisher als ausschließlich im schöpferischen Belieben stehend angesehen wurde. Das war liberalistisches Vorurteil!

Daß die Barockkomponisten es liebten, allegorische Geheimnisse in ihre Werke einzuweben, ist bekannt. Johann Sebastian Bach unterschrieb in letzter Schaffensstunde sein Lebenswerk mit dem Motiv seines Namens, mit b-a-c-h. Spätere Komponisten schrieben Fugen über das gleiche Thema, immer mit dem Akzent der Huldigung. Eine Vertonung anderer, weniger ehrfurchtgebietender Namen verbot bisher, wenn wir von gelegentlichen musikalischen Späßen absehen wollen, eine stumme Abrede der Pietät. Und nun kommt just aus der Bachstadt Leipzig die Kunde von einem neuen musikalischen Namensfrühling eigener Art. Der ostzonale Freie Deutsche Gewerkschafts-Bund erließ ein Preisausschreiben "Kultur und Arbeit", zu dem auch die Tonkunst aufgerufen ward. Preisgekrönt wurde, wie hätte es anders sein können, Fred Maliges "Festliches Präludium und Fuge über f-d-g-b", über ein Thema also, das, kraftvoll rhythmisiert, eine aktivistische Haltung nicht verleugnet. Wenn auch das Grundmotiv der "Deutschen Demokratischen Republik", das Motiv Es-E-D, sich wegen seiner chromatischen, fast zwölftönigen und mithin formalistischen Struktur weniger zur volksnahen Komposition eignet, so eröffnet doch die Fülle der dort im Umlauf befindlichen organisatorisch-politischen Abkürzungen erfreulichen Ausblick auf eine ganz neue musikalische Substanz, die geeignet wäre, all die Probleme, mit denen sich das intellektualistische westliche Musikleben abquält, mit einem Schlage zu erledigen. Gr.