Jawaharlal Nehru, der seit Gandhis Tod die Geschicke Indiens lenkt, will sein Amt als Premierminister niederlegen, wenigstens eine Zeitlang. Er ist müde und krank, aber das ist nicht der einzige – Grund. Als Staatsmann, der sich über das eigene Leben hinaus für sein Volk verantwortlich fühlt, erfüllt es ihn mit Sorge, daß es noch immer an einer Persönlichkeit mangelt, der er dereinst seine Nachfolge mit Vertrauen überlassen könnte. In der Kongreßpartei vermißt er den Mut und die Tatkraft, die Landreform durchzusetzen und den Kasten- und Religionsstreit zu überwinden. Korruption und Vetternwirtschaft dauern an, es fehlt an jungem Blut, die Abgeordneten denken mehr an das Prestige, das Nehru ihnen verleiht, als an die Verwirklichung seiner Ziele, und er hat, wie es heißt, auf der Tagung des Allindischen Kongreßausschusses im September den Eindruck gewonnen, sie würden bei seinem Tode die Nachfolge dem zusprechen, der zu den größten Konzessionen bereit wäre. Daher will Nehru in weiser Vorsorge, die manchem westlichen Staatsmann wohl anstünde, noch zu seinen Lebzeiten eine Regelung finden, er will die Leitung des Staates in die Hände eines Rates legen und dann selber noch einmal durch das Land ziehen, um das Feuer der Begeisterung neu zu entzünden.

Nehru weiß, wie schwer es ist, die höchste Verantwortung zu übernehmen. Er ist in den letzten sechs Jahren rascher gealtert, als zuvor in den Jahrzehnten des Kampfes unter Gandhis Leitung. Nehru war vierundzwanzig, als er ihm 1916 begegnete und sein Schüler und Mitstreiter wurde. Er, der Sohn eines Brahmanen, hatte in England in Harrow und Cambridge studiert, Botanik, Chemie und Geologie, dann Rechtswissenschaft, er hatte sein englisches Anwaltsdiplom, aber er gab die Praxis auf und warf sich in den Freiheitskampf Oft wanderte er wochenlang barfuß mit dem Meister durch die Dörfer, er lebte von getrocknetem Fisch und schlief in armseligen Hütten auf nacktem Boden, um die Lehre von der non-violence, der gewaltlosen Gewalt, unter das Volk zu tragen. 1922 kam er dafür zuerst ins Gefängnis, er wurde begnadigt, und schon sechs Wochen später abermals verhaftet – dreizehn Jahre hat er im ganzen in englischen Gefängnissen verbracht, und dort schrieb er seine wichtigsten Bücher. Die Kongreßpartei wählte ihn 1928 und danach immer wieder zum Präsidenten, zwischendurch besuchte er Europa, Spanien, England, die Tschechoslowakei, um für Indien zu werben. Er protestierte gegen Indiens Teilnahme am Kriege ohne indische Zustimmung, wurde wieder verhaftet, und als die Unabhängigkeit erkämpft war, trat er 1947, gewissermaßen aus dem Gefängnis heraus, das Amt des Ministerpräsidenten der ersten indischen Regierung an.

Man hat Nehru vorgehalten, er sei trotz dieses glänzenden Aufstiegs an Gandhis Seite in vielem nicht wahrhaft sein Jünger. In wesentlichen Dingen war er mit Gandhi uneins. Daß das Land zur Kultur des Spinnrades zurückkehren und die moderne Technik verschmähen solle, konnte Nehru nicht ernst nehmen. "Schließlich kann man in Hütten keine Lokomotiven bauen", meinte er. Gandhi betrachtete den Materialismus als Sünde, Nehru ist im Grunde Materialist. Er ist auch Sozialist, während Gandhi überzeugt war, diese Lehre beruhe auf dem Irrtum, die "menschliche Natur sei ihrem Wesen nach selbstsüchtig". Gandhis Kraft floß aus der Bindung ans Göttliche. Nehru ist nüchtern. Er kennt die Gläubigkeit seines Volkes, er ist zu klug und vielleicht zu vorsichtig, die Geheimnisse des Übernatürlichen zu leugnen, aber Religion, sagte er, habe ihn immer mit Horror erfüllt. "Fast immer bedeutet sie blinden Glauben und Reaktion, Dogma und Frömmelei, Aberglaube, Ausbeutung und Schutz der Besitzenden." Wenn es einen Gott gäbe, so wandelte er Voltaires sarkastisches Wort ab, so wäre es nötig, ihn nicht anzubeten.

Und die Gewaltlosigkeit? Eine hervorragende Waffe im Kampf gegen England gewiß, die er so mutig, wie wirksam, führte. Aber glaubte er auch an das moralische Gesetz, auf dem sie ruht, daß Gewalt zu leiden seliger sei, denn Gewalt zu tun? Heute jedenfalls hat Indien eine Armee von 400 000 Mann, Nehru hat das Fürstentum Haiderabad erobert und ohne Zögern Truppen eingesetzt, als mohammedanische Stämme aus Pakistan in Kaschmir einfielen. "Sich zu schützen, bedeutet leider", so sagt er, "auf bewaffnete Macht und dergleichen zu vertrauen, und so rüsten wir, wo es nötig ist. Wir können uns das Risiko nicht leisten, es nicht zu tun, obwohl Mahatma Gandhi es gewiß auf sich genommen hätte. Ich wage nicht zu sagen, er hätte Unrecht getan, aber uns kleinen Geistern steht ein solches Wagnis nicht an." Armee und Polizei jedenfalls dürfen, wenn man sie schlägt, keinesfalls die andere Wange hinhalten.

All das wußte Gandhi wohl, dennoch liebte er den Schüler mehr als den leiblichen Sohn. Er nannte ihn einen "Edelstein unter den Menschen", und er glaubte, er werde beginnen, seine Sprache zu sprechen, sobald er die Verantwortung trage. Gandhi war duldsam und sah voraus, daß Nehru nicht mehr geistiger Führer eines Volkes sein würde, das nach außen unter dem Schutz des britischen Weltreiches stand. Teil des Commonwealth ist Indien zwar geblieben, "verbunden mit der Krone durch ein freundschaftliches, zu jeder Zeit lösbares Zusammenwirken", wie es in der Verfassung heißt, aber die neue Lage hat dem Lande zugleich die Sorge um die äußere Sicherheit gebracht. Da mochte es gut scheinen, wenn ein Mann die Leitung erhielt, den seine Erziehung und die Kenntnis Europas befähigten, sich von den großen Zusammenhängen Rechenschaft zu geben.

Indien mit 350 Millionen Menschen, mehr als die freien Völker Europas zusammen, ist heute ein Faktor der Weltpolitik, mit dem man rechnet. Und Nehru ist entschlossen/dafür zu sorgen, daß sein Gewicht nicht nur ein moralisches ist. Er will eine starke Industrie aufbauen, Erzbergwerke, Stahlwerke und Textilindustrie haben bereits bedeutenden Umfang, Atommeiler sollen folgen. Das Land soll, und darin ist sich Nehru mit der fortschrittlichen Mittelklasse einig, die Entwicklung zum Industriestaat so rasch wie möglich nachholen. Wie, das ist eine praktische Frage. Als Sozialist neigt Nehru zur Planwirtschaft. Er verkündete, das neue Indien werde die Industrie verstaatlichen und niemals dulden, daß fremdes Kapital, so nötig man es auch habe, seine Hand nach der Wirtschaft ausstrecke. Dieser anfängliche Ton, der Investitionen von außen ebenso lähmte wie die Unternehmungslust indischer Kapitalisten, hat sich rasch gewandelt, und der Staatsbesuch, den Nehru 1949 den Vereinigten Staaten machte, sollte nicht zuletzt das Vertrauen der amerikanischen Wirtschaft wieder herstellen. Das ist gelungen. Die wirtschaftliche Verflechtung des Landes mit dem Westen ist inzwischen fortgeschritten, ein Umschwenken zum Bolschewismus wenig wahrscheinlich. Die militärische Ausrüstung zum Beispiel ist rein westlicher Herkunft und könnte nicht ohne einen Aufwand umgestellt werden, der Moskau wie Delhi schwerfiele.

Sozialismus und Neutralität haben Nehru in Amerika verdächtig gemacht. Zweifellos aber ist er kein Kommunist. Niemand hat die Kommunisten im eigenen Lande rücksichtsloser unterdrückt als er. Er verabscheut ihre Gewaltmethoden, er verhöhnt sie, weil sie einer fremden Fahne folgen, er belegt sie mit drakonischen Strafen. Aber er glaubt, daß sie bei Minderung der Not an Boden verlieren werden. Das ist für ihn eine Grundüberzeugung. Im höheren Lebensstandard und der Beseitigung kolonialen Rückstandes sieht er die Chance einer Befriedung des Kommunismus in Asien; nicht in Militärbündnissen.