R. N., Wien, Ende Oktober

Das Wiener Burgtheater wird sein wiederhergestelltes Haus am Burgring am 24. September 1955 eröffnen, so teilte Direktor Dr. Alfred Rott soeben der Presse mit. Für den Eröffnungsabend ist eine Festaufführung von Goethes "Egmont" vorgesehen, die durch Goethes "Vorspiel auf dem Theater" eingeleitet werden wird. Während des Gespräches der Akteure des "Vorspiels" wird das gesamte Ensemble des Theaters vor einem Rundhorizont versammelt sein, um den Worten des Dichters zu lauschen, Scheinwerfer werden die Gesichter dieser Zuhörer auf dem Theater, aus der Dunkelheit heben, und so das Ensemble dem Publikum vorstellen.

Als zweite Premiere des neuen Burgtheaters ist "Don Carlos", dann Grillparzers "Libussa", weiter die "Phädra" des Euripides und "Wie es euch gefällt" und schließlich "Das Konzert" von Hermann Bahr geplant. Gleichzeitig wurden Richard Billinger, Fritz Hochwälder, Alexander Lernet-Holenia und Carl Zuckmayer aufgefordert, Werke zur Uraufführung einzureichen. Direktor Rott sagte: "Als nach dem Kriege die meisten deutschen. Bühnen in Schutt und Asche lagen, haben viele von ihnen auch ihre tragende Idee verloren. Das Burgtheater aber hat gerade.in den Jahren, die es sozusagen im Exil verbracht hat, bewiesen, daß es von einer kräftigen Idee getragen wird. Sinn der weiteren Arbeit kann es nur sein, dieses Haus wieder als das Nationaltheater zu führen, als das es Josef II. begründet hat: als erste Bühne deutscher Sprache, als eine wahre Burg des Theaters."

Direktor Rott will die Weltweite und Weltoffenheit des Burgtheaters auf zwei Arten dokumentieren. Einmal, indem "die Burg" selbst in die Welt hinausgeht und ihre Leistungen in anderen Hauptstädten präsentiert. Dann aber, indem alle größten Theater der Welt als Gäste in das neue Haus am Ring eingeladen werden. Direktor Rott legte ein Bekenntnis zur Ensemblearbeit und zum jungen Schauspielernachwuchs ab, dem er durch engsten Kontakt mit dem Reinhardt-Seminar den Weg zur Bühne ebnen will. Er bezeichnete auch die Klagen über den Mangel an jungen österreichischen Autoren als unbegründet. Schon in Kürze werde das Burgtheater Zusaneks "Jean von der Tonne", Franz Pühringers "Antonia Meulener", Günther Buxbaums "Phädra" und Hans Schuberts "Die hungrigen. Götter" uraufführen. Für die weitere österreichische dramatische Produktion werde sich die richtunggebende Kraft des Burgtheaters nach dessen Einzug in seinem "neuen, alten" Haus erst richtig erweisen können.

Wie die Eröffnung des wiederhergestellten Opernhauses wird auch die des historischen Burgtheaters nicht nur ein gesellschaftlicher, sondern ein theatergeschichtlicher Höhepunkt für Wien sein. Bezeichnend, daß ab April nächsten Jahres die Vorbereitungen für die Eröffnungspremieren des Burgtheaters beginnen werden. Sein Ehrgeiz, wieder die erste Bühne im deutschen Sprachraum zu werden, verspricht Theaterabende ganz besonderer Art.