Als Jacob Baron von Uexküll im Juni 1944 auf seinem Ruhesitz in Anacapri (den er sich neben dem seines Freundes Axel Munthe baute) für immer seine Augen schloß, drang die Kunde davon erst sehr spät nach Deutschland; Capri und Neapel waren damals schon in alliierter Hand. Und so wurden die Ehrungen, Aufsätze und Artikel, die man zu seinem 80. Geburtstag im Herbst plante, sozusagen erst in letzter Stunde abgesagt oder eben noch in Nekrologe umgewandelt. Doch scheint es gut, sich weniger daran als des Mannes, dem sie galten, heute, ein Jahrzehnt danach und anläßlich des Tages, an dem er 90 Jahre alt geworden wäre, einmal wieder zu erinnern.

Die Bedeutung des Biologen Uexküll für unsere gesamte Anschauung vom Leben ist nur aus jener Zeit verständlich, in der er selber seine ersten Schritte auf dem wissenschaftlichen Boden tat. Es ist die Zeit Ernst Haeckels, dessen Schriften Auflagen erlebten, die bislang bei Büchern dieser Art vollkommen unbekannt gewesen waren; es ist der Höhepunkt des Kampfes um den Darwinismus in Gestalt der Frage: Stammt der Mensch vom Affen ab?; es ist der Beginn des Behaviorismus, der die Lebewesen – und nicht etwa nur die sogenannten "niederen"! – als eine Art "Reflexmaschine" deuten wollte; und es ist, nachdem die letzten Schranken zwischen toter und lebender Materie unwiderruflich fortgefallen schienen, die Blütezeit des Mechanismus, der die Pflanzen und die Tiere (und damit auch den Menschen) für grundsätzlich das gleiche hält, wie jene Stoffverbindungen und Kräfte, die zu erforschen Chemiker und Physiker sich angelegen sein lassen.

Ihre analysierend-zergliedernde Methode hat denn auch Uexküll zunächst noch auf die tierischen "Objekte" angewandt, und angesichts der überragenden Erfolge, die man mit ihr und einer streng kausalen Fragestellung auch auf biologisch-medizinischem Gebiet erzielte, und angesichts so strahlender Gestalten wie der eines Hermann Helmholtz, der eben damals auf der Höhe seines Ruhmes stand, oder seines eigentlichen Mentors, des großen Heidelberger Physiologen Willy Kühne, wäre das Gegenteil fast wunderbar gewesen. Und so zeugt es denn nur um so mehr von Uexkülls eigenwilligscharfem Denken, daß er sich nur allzu bald nicht mehr damit begnügte, die Funktion und Wirkungsweise irgendwelcher Stoffe, Stoffgemische und Strukturen in den Körpern nachzuweisen, vielmehr hinter alledem an Stelle des rein passiv durch diesen oder jenen Innen- oder Außeneinfluß gesteuerten "Objekts" immer wieder nur das Tier als das in seiner eigenen "Umwelt" aktiv handelnde Subjekt erblickte.

Wie wir es heute interpretieren würden: Sind das Wollen und der Wille, das Streben, Drängen und die Triebe eines Tieres, die es das biologisch Nützliche vollbringen und das ihm Schädliche vermeiden lassen und die somit in erster Linie die Gewähr für sein Erhaltenbleiben liefern, ja, das des Lebens überhaupt ermöglicht haben – sind alles dies mit einer physikalisch-chemischen Denk- und Forschungsweise überhaupt erfaßbare Momente? Muß man nicht mit dieser zwangsläufig immer wieder nur auf physikalische und chemische Begriffe stoßen, indessen jene einen völlig anderen, eben nur dem Leben eigenen Sektor bilden und deshalb auch ein völlig anderes Maß verlangen?

Mit der energischen Bejahung dieser Frage ist Uexküll zu dem zweiten großen Vitalisten unserer Zeit geworden. Die Figur des ersten, des ebenfalls aus einer Heidelberger Schule, und zwar der des Zoologen Bütschli, hervorgegangenen Hans Driesch schien die seinige zunächst zu überschatten: Driesch war durch das Versagen einer starr-mechanischen Betrachtungsweise an gewissen Grenzen der kausalen Analyse zu einer Neubelebung der Entelechie des Aristoteles gekommen – doch dies Versagen erwies sich später ebenso als scheinbar, wie jene Grenzen in der Folgezeit noch weit hinausgeschoben werden konnten. Uexkülls Alternative zwischen Physischem und Psychischem aber blieb, da von vornherein schon den Methoden nach bedingungslos gehalten, über alle weiteren Forschungsresultate fortbestehen.

Die zünftige Naturwissenschaft von heute weiß mit einem Vitalismus nur sehr wenig anzufangen, dessen eigentlicher Inhalt sich ihrer Arbeitsweise ja schon der Voraussetzung nach entzieht. Und so hat sie Uexküll (der zudem auch nie ein deutsches akademisches Examen absolvierte, vielmehr nur den "Kandidatentitel" der Universität in Dorpat vorzuweisen hatte) denn auch bestenfalls als eine Art von Ranke und Verzierung an ihrem eigenen Baume gelten lassen – soweit sie ihn nicht, wie in den etwas weniger konzilianten Fällen, offen oder auch versteckt bekämpfte. Zwar wurden seine "Theoretische Biologie" und seine "Umwelt und Innenwelt der Tiere" immer wieder aufgelegt und in andere Sprachen übersetzt, zwar verliehen ihm die Universitäten Kiel, Heidelberg und Utrecht Ehrendoktortitel, doch eine eigene, mit einem Hochschulamt verbundene Lehr- und Wirkungsstätte fand er erst in einem Lebensalter, in dem andere schon an ihre Pensionierung denken. Es ist das "Institut für Umweltforschung", das die neue Universität in Hamburg auf das Betreiben ihres weltoffenen Physiologen Kästner (der 1933 seinem Leben selbst ein Ende machte) schon bald nach ihrer eigenen Gründung für ihn schuf, nachdem ihm der Kriegsausgang mit seinem baltischen Besitz die Basis seiner Existenz genommen hatte.

Hatten ihm bislang die zoologischen Stationen von .Neapel, Biarritz, Monako und Berck sur mer Forschungsgelegenheit geboten, so nahm deren Stelle jetzt in erster Linie Hamburg ein. In dem Hause in der Gurlittstraße trafen sich Schüler und Freunde aus der ganzen Welt – wie denn überhaupt die "Breitenwirkung" Uexkülls stets eine sehr viel größere gewesen ist als die auf seine eigentliche Wissenschaft. Hat diese doch niemals klar erkannt, daß er der Allgemeinheit gegenüber als ihr Dolmetsch galt, der eine große Leere füllte, die die rein analytische Betrachtungsweise im menschlichen Empfinden schließlich doch zurückgelassen hatte; und sie verstand dies um so weniger, je mehr er vom Psychischen zum Metaphysischen und von diesem wiederum zum Tranzendenten kam – dem "unsterblichen Geist in der Natur", wie eine seiner letzten Schriften heißt.