Von dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied der Schutzvereinigung privater Wertpapierbesitzer e. V. Hamburg-Schleswig-Holstein, Dr. von Berenberg-Goßler, ist der Fall "Phrix" zum Hauptthema der letzten Jahresversammlung der Schutzvereinigung in Hamburg gemacht worden, In seinem Referat "Das gegenwärtige Arbeitsgebiet der Schutzvereinigungen" legte Dr. von Berenberg-Goßler die Gründe dar, die die Haltung der Schutzvereinigung auf der im Mai stattgefunden en Phrix – Hauptversammlung bestimmt haben und um deretwegen sich die Schutzvereinigung einer scharfen öffentlichen Kritik unterwerfen mußte. "In unerwarteter Weise", so sagte der Redner, "hat uns die Presse, mit der wir sonst in bestem Einvernehmen stehen, angegriffen und die Schutzvereinigungen als angegriffen und rückgratlos verunglimpft. Leider hat es keiner der am Tage der Hauptversammlung anwesenden Herren der Presse für nötig gehalten, sich vor der Stellungnahme zu unserer Haltung noch einmal mit uns in Verbindung zu setzen!" Und dann kam folgender Satz, der in dem uns vorliegenden Manuskript verzeichnet war, allerdings in der Rede selbst ausgelassen wurde: allerdings kam es selbst bei einer so angesehenen Zeitschrift wie der "ZEIT" zu einem glatten Justizmord an der Schutzvereinigung." Dieser Satz bezog sich auf unsere unter der Überschrift "Phrixologie: Lehren aus einer Konzernverschachtelung" am 3. Juni 1954 erschienenen Ausführungen.

Die auf dieser Jahresversammlung zum Fall Phrix abgegebenen Erklärungen geben uns wenig Anlaß zu einer Revision unserer Meinung. Denn Dr. von Berenberg-Goßler bestätigte selbst, daß man die HV wie einen Film ablaufen ließ, nachdem man sich vorher mit den Beratern des Vorstandes geeinigt hatte, so daß dann die HV – wir zitieren das Manuskript wörtlich – "in Form eines Zusammenspiels vor den erstaunten Augen der Öffentlichkeit abrollte." Daß dies ein Ergebnis äußerst harter Verhandlungen war, wollen wir gern glauben. Doch wer sich in der Produktion von Filmen versucht, muß es sich später auch gefallen lassen, wenn der Streifen kritisiert wird.

Wir stimmen mit der Schutzvereinigung überein, daß dem Aktionärsinteresse nunmehr am besten gedient ist, wenn der Fall Phrix einstweilen der öffentlichen Kritik entzogen wird, um der neuen Verwaltung den nötigen Atem zu geben, den sie zur Heilung der vom alten Vorstand geschlagenen Wunden braucht. Deshalb ist der Aktionärsverein schlecht beraten, wenn er die Verwaltung jetzt mit Klagen formeller Art überhäuft. Das Vorstandsmitglied dieses Vereins, Dr. Ger-Das hat auch auf der Jahresversammlung der Schutzvereinigung durch seine Opposition um jeden Preis kaum neue Anhänger für seine Sache werben können. Trotz dieser taktischen Ungeschicklichkeiten soll dem Aktionärsverein seine Daseinsberechtigung nicht abgesprochen werden. Aber er täte besser, seine Energie, die er jetzt beim Aufspüren formeller Ungenauigkeiten verschwindet, bis zum Bericht des bei der Phrix eingesetzten Sonderprüfers aufzusparen.

In der in mancher Beziehung aufschlußreichen Versammlung wurde die Frage der Unabhängigkeit der Schutzvereinigungen aufgeworfen. Von Dr. von Berenberg-Goßler bedingungslos bejaht, von Dr. Gerson ebenso energisch verneint. Die Diskussion über diesen Punkt mußte ergebnislos bleiben, weil hier Wort gegen Wort steht und Beweise nach der einen oder anderen Seite im Verlaufe einer mündlichen Auseinandersetzung nicht gebracht werden können. Zudem ist der Begriff "unabhängig" in vieler Hinsicht relativ. Man kann der Ansicht sein, daß geldliche Zuwendungen von der einen oder anderen Seite die Unabhängigkeit bereits gefährden – möglich ist jedoch auch die Auffassung, daß diese Zuwendungen allein nicht abhängig machen, sondern daß vielmehr die Tatsache entscheidend ist, ob mit diesen Zuwendungen die Festlegung auf eine bestimmte Zutung verbunden ist. Weiter: kann nicht die von einigen Kritikern in einer Frage beanstandete Abhängigkeit durchaus dem Willen der Mitglieder entsprechen? Die Mitglieder (oder Aktionäre) können schon infolge ihrer sonstigen Bindungen unterschiedliche Interessen vertreten, so daß Kollisionen innerhalb der Schutzvereinigung nicht ausgeschlossen (und ja auch bereits aufgetreten) sind. Man denke hier nur an das Problem der Harpener Bonds, dessen Behandlung von seiten einiger Mitglieder der Schutzvereinigung nicht ohne Kritik geblieben ist. Gerade hier wurde deutlich, wo die Grenzen des Aufgabenfeldes der Schutzvereinigungen liegen. Über ihre Notwendigkeit und ihre Erfolge braucht nicht geschrieben zu werden. In eindeutiger Weise wurden sie dort erzielt, wo sich das Aktionärsinteresse mit dem der Industrie und der Banken deckte. Die Kalamität begann, sobald diese Übereinstimmung nicht hergestellt werden konnte. Mit mehr oder weniger Erfolg haben sich die Schutzvereinigungen in solchen Fällen um einen tragbaren Kompromiß bemüht, und da ihr erster Vorsitzender, Staatssekretär a. D. Schmid, Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte, als ein Meister des Kompromisses bekannt ist, hat man ihn auch erreicht. Doch kostete jeder Vergleich – insbesondere bei Harpen und Phrix – einiges Ansehen, das man für die Aufgaben der Schutzvereinigung dringend nötig hätte.

Wir brauchen eine starke Vertretung der Wertpapierbesitzer bei der künftigen Reform des Aktienrechtes, bei der Beseitigung der letzten Währungsungerechtigkeiten (Umstellung der Reichstitel), bei der Wiederherstellung der Rechte der Reichsbank-Anteilseigner und letzten Endes auch als aktives Gegengewicht der Eigentümerseite gegen die Ansprüche der Gewerkschaften auf Sitz und Stimme in den Gesellschaftsorganen. Es ist ebenfalls Sache der Schutzvereinigungen, sich für eine dem Aktionär gerecht werdende Steuergesetzgebung einzusetzen. Aber man muß scheitern, wenn man glaubt, in Sonderfällen die Stellung eines Aktionärsvereins übernehmen zu können. Hier gerät man in den Widerstreit sich überschneidender Interessen und strapaziert seinen Ruf, "unabhängig" zu sein. Kurt Wendt