Stockholm, Ende Oktober

Der 10. November ist ein bedeutsames Datum für die literarische Welt. An diesem Tage versammeln sich die achtzehn Mitglieder der Schwedischen Akademie, um zu entscheiden, wem der diesjährige Nobelpreis für Literatur zufallen soll. Einen Monat später, am Todestage des Gründers, Alfred Nobel, überreicht der König von Schweden dem Ausgezeichneten eine goldene Medaille, ein von einem schwedischen Künstler verfertigtes Ehrendiplom und einen Scheck über einen ganz netten Betrag. Dieses Jahr wird der Nobelpreis 181 000 Schwedenkronen betragen, also etwa 36 000 Dollar.

Der Nobelpreis ist nicht nur eine internationale Institution, sondern für die Schweden auch eine nationale Angelegenheit. Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, war Schwede, der Preis wird von schwedischen Akademiemitgliedern erkannt, und die feierliche Übergabe geht in der Hauptstadt Schwedens vor sich. Dazu kommt die Tatsache, daß – wie dies eine schwedische Literaturzeitschrift treffend ausgedrückt hat –, das Nobelkomitee gewissermaßen die außenpolitische Abteilung der schwedischen Kultur ist. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sich bei der Zuerkennung der Preise, besonders aber derjenigen für Literatur, auch kulturpolitische und Weltanschauungsgesichtspunkte auswirken. Und das ist in Ordnung, da der Gründer selbst dies gewünscht hat, als er in der Gründungsurkunde bestimmte, der Literaturpreis solle demjenigen zugesprochen werden, der "in idealistischer Richtung" die hervorragendste Leistung aufzuweisen hat. Abgesehen von dieser Bedingung stehen aber die achtzehn Akademiker natürlich auch unter dem Einfluß der weltpolitischen Situation. Schließlich sind die "Unsterblichen" ja auch sterbliche Menschen und als solche keiner hundertprozentigen Objektivität fähig.

Unzweifelhaft hat der skandinavische Patriotismus der "Achtzehn" manchmal ihre Objektivität beeinträchtigt. Daraus erklärt sich wohl, daß von den neunundvierzig Autoren, die bisher mit dem Nobelpreis beehrt wurden, nicht weniger als elf Skandinavier sind. Andererseits steht fest, daß zum Beispiel der Däne Johannes V. Jensen oder der Schwede Erik Axel Karlfeldt, obwohl sie der westlichen Welt nahezu unbekannt sind, doch hinsichtlich ihres geistigen Ranges keineswegs hinter Erscheinungen wie Grazia Deledda oder Pearl Buck zurücktreten. Daß alle diese und noch einige, sagen wir, sekundäre Größen die ersehnte Auszeichnung erhielten, während wahre Klassiker unserer Zeit, wie Tolstoj, Theodore Dreiser und Paul Valéry, sich nicht in ihrer Reihe befinden, ist wohl der erwähnten menschlichen Schwäche zugute zu halten.

Wie vieler, oft berechtigter Kritik die Verteilung bisweilen ausgesetzt war, so wenig konnte dies den Charakter des Preises als höchste Anerkennung, die unser Zeitalter einem Autor oder Gelehrten anzubieten hat, schmälern. Es ist daher leicht zu verstehen, daß vor der jeweiligen Entscheidung in der schwedischen Hauptstadt ein schon traditionell gewordenes Rätselraten die Gemüter bewegt, nicht nur unter den Literaten, sondern im großen Publikum.

Interessanterweise sind im Laufe der letzten zehn Jahre die Vermutungen und Kombinationen fast stets dem wirklichen Ergebnis recht nahe gekommen. Der Nobelpreisträger war jedes Jahr einer von den zwei bis drei Kandidaten der schwedischen Öffentlichkeit. Nur selten gab es eine Überraschung. Das bedeutet keineswegs, daß die Akademiemitglieder den Namen ihres Kandidaten oder die Vorschläge der Sachverständigen nicht mit aller gehörigen Diskretion behandelten. Es verhält sich vielmehr einfach so, daß die Stockholmer einen vorzüglichen Instinkt besitzen.

Dieses Jahr scheint jedoch die Sache schwieriger zu sein. Die Zahl der bisher üblichen zwei oder drei Publikumskandidaten ist heuer auf nicht weniger als sieben gestiegen. Kandidat Nummer eins ist ohne Zweifel der Isländer Halldór Laxness. Er wurde schon voriges Jahr erwähnt, diesmal aber werden sogar Wetten um den Verfasser von "Salka Valka" abgeschlossen. Für Laxness spricht außer der unbestreitbaren literarischen Qualität die Tatsache, daß er Skandinavier ist und daß bisher von allen Skandinaviern nur die Isländer noch keinen Nobelpreis erhielten. Was gegen ihn spricht: der meisterhafte Schilderer isländischen Bauernlebens ist – Kommunist... Und zwar kein bloßer theoretischer Schwärmer, sondern ausgesprochener Sowjetfreund. Und die Schwedische Akademie hat den Nobelpreis bisher noch nie einem Kommunisten zugesprochen, nicht einmal einem Schriftsteller aus der Sowjetunion. Läßt sich doch schwerlich leugnen, daß die von Nobel gemeinte idealistische Einstellung sich mit dem "dialektischen Materialismus" schlecht verträgt. Boshafte Zungen freilich fragen, ob das Nobelkomitee nicht ebensogut wie aus Churchill einen überragenden Schriftsteller auch aus einem Materialisten einen Idealisten machen könnte.