R. W., London, Ende Oktober

Sobald Truppen zum Einsatz kommen, würde es jedem klar, daß wir geschliffen werden sollen, um gegen unsere deutschen Freunde und gegen die Arbeiter in Japan eine stärkere Konkurrenz zu sein." Diese Randbemerkung bekamen wir am Sonntag im Londoner Hydepark zu hören. Sprecher war der "General" des englischen Hafenarbeiterstreiks, der Führer der kleinen Hafenarbeitergewerkschaft, Dick Barrett. Er sagte außerdem: "Dieser Streik wird nicht so leicht zu Ende gehen, wie manche sich das vorstellen. Die Eisenbahner werden eingreifen, und die Bergarbeiter werden euch unterstützen, wenn die Regierung Truppen einsetzen sollte – und damit würde sie eine große Dummheit machen."

Das letzte Wochenende hat also nicht die erhoffte Lösung für den großen Streik gebracht, der nun schon über drei Wochen dauert und außer London noch sechs große englische Häfen stillegt. 318 Schiffe mit einem Gesamtladungswert von 1,7 Milliarden DM werden von ihm betroffen. Weder die Bemühungen einer staatlichen Untersuchungskommission noch die Aufforderungen der Gewerkschaftsführer, der Labour Party, der gesamten Presse (natürlich außer dem kommunistischen "Daily Worker") noch der Aufruf des Arbeitsministers, Sir Walter Monckton, haben wesentlich zur Entschärfung der Lage beigetragen. Während der ersten drei Wochen hat die englische Öffentlichkeit sich nicht sonderlich um den Streik gekümmert, der sich auf die Versorgung mit Verbrauchsgütern zunächst kaum ausgewirkt hat. Freilich, den Besuchern der internationalen Autoausstellung oder auch der Ausstellung bayerischer Rokokoschnitzereien im Victoria and Albert Museum werden schon lange die Lücken unter den Ausstellungsobjekten mit Hinweis auf den Streik erklärt. Und eine Ladung mit Kaninchen, denen es auf ihrem Schiff ungemütlich zu werden anfängt, macht den Verantwortlichen viel Sorge.

Die Hintergründe des Streiks sind so komplex, daß es fast drei Wochen dauerte, bis die Streikenden selbst eine einheitliche Linie gefunden hatten. Sie wurde im kommunistischen "Daily Worker" durch das Bild eines kleinen Mädchens definiert, das ein Schild um den Hals hat mit der Inschrift: "Mein Vater muß unbedingt mehr Freizeit für mich haben." Zweifellos sind kommunistische Elemente sehr rührig, den Streik zu schüren. Ebenso zweifellos ist aber sein Ursprung nicht kommunistisch, sondern entspringt gespannten Verhältnissen zwischen Arbeitern und Gewerkschaftsführung, sowie zwischen den drei Hafenbetriebsgewerkschaften untereinander. Aus diesem Ursprung ein vernünftiges Streikziel aufzustellen, ist natürlich nicht möglich; daher hat man sich auf die Formel "Überstunden nur freiwillig! geeinigt. Wie stark sich diese Parole gegenüber den Anti-Streikmaßnahmen erweist, die jetzt, wo die Versorgungslage doch bedenklich wird, erheblich verschärft werden dürften, werden die nächsten Tage lehren.