Von Wolfdietrich Schnurre

Wolfdietrich Schnurre ist kein unbekannter Autor: Kurzgeschichten, Hörspiele, Gedichte, vor allem aber seine herrliche Parodie auf allen Literaturbetrieb "Sternstaub und Sänfte – Die Aufzeichnungen des Pudels Ali", machten ihn bekannt. Schnurre lebt in Berlin als freier Schriftsteller.

Niemand mochte ihn leiden. Er hatte ein spitzes, blasses Gesicht, war kleiner als wir, hatte schwarze Locken, abstehende Ohren, dicke Brauen und Beine, die aussahen wie Häkelhaken, so dünn waren sie. Vater sagte, er sei sehr klug, und wir sollten uns schämen, daß wir nicht mit ihm spielten; doch wir wollten uns nicht mit ihm abgeben, und Heini sagte, das fehlte gerade noch, daß wir uns mit einem Itzig auf dem Buddelplatz zeigten. Ich wußte nicht, was ein Itzig war, aber Heini sagte, was Schlimmes, und darum paßte ich gut auf, damit ich ihm nicht doch noch mal in den Weg liefe.

Aber einmal hat er mich trotzdem erwischt. Es war auf dem Buddelplatz; wir hatten eine Sandburg gebaut, und Heini und Bruno waren weg, Kies für die Auffahrt besorgen. Ich saß im Buddelkasten und paßte auf, daß die andern Kinder die Burg nicht kaputt machten, und auf einmal sah ich ihn drüben hinterm Springbrunnen vorkommen.

Er lief mit ganz kleinen, komisch trippelnden Schritten, die Füße sehr weit nach außen gestellt, und unterm Arm trug er eine funkelnagelneue Schippe, die leuchtete in der Sonne und hatte einen langen, gelben Stiel, auf dem, noch das Fabrikzeichen klebte. Jetzt erkannte er mich und kam rüber. Ich sah schnell weg, aber zum Glück waren die andern Kinder alle nicht aus unserer Straße und kannten Veitel nicht. Er blieb am Rand vom Buddelkasten stehn und sagte, daß ich da aber ne schicke Burg hingesetzt hätte. Ich sagte, die hätten Heini und Bruno genau so gebaut, und ich, ich paßte bloß auf, daß sie uns keiner kaputt machte. Wie das wär’, fragte er, ob man denn hier einfach so losbuddeln könnte, oder ob das was koste. Nein, sagte ich, das kostet nichts. Die Sache wär’ nämlich so, sagte er, er buddelte heute zum erstenmal, sein Vater hätte gesagt: Geh man nur einfach zum Spielplatz, da findste bestimmt Kinder, die dich mitspielen lassen.

Ich war still und sah weg; ich hatte Angst, Bruno und Heini könnten zurückkommen und sehn, wie ich mich mit ihm abgab. Willst du nicht vielleicht mit mir spielen? fragte er da auf einmal. Ich sah erschreckt an ihm hoch, und da sah ich erst richtig, wie häßlich er war. Nein, sagte ich und schüttelte heftig den Kopf. Warum nicht, sagte er und wurde plötzlich ganz weiß. Darum, sagte ich. Da drehte er sich um und ging weg ...

Ein paar Wochen vergingen, und dann sagte Bruno mal, Veitel wäre krank. Ich hätt ganz gern gewußt, was er hatte, aber ich traute mich nicht danach zu fragen, ich hatte Angst, Heini könnte glauben, ich hätt Mitleid mit Veitel, und ich hatte doch gar keins. Aber eines Tages sagte Vater mal zu uns bei Tisch, wir sollten doch nachher noch mal reinkommen zu ihm, er hätte uns was zu sagen; und als wir uns reinschoben, da standen zwei Körbchen voll Erdbeeren vor ihm, und er sagte, die sollten wir Veitel jetzt bringen, und wir sollten uns doch auch ein bißchen mit ihm unterhalten. Heini zog gleich einen Fluntsch, doch Vater fragte, ob wir denn überhaupt wüßten, was los war mit Veitel. Nein, sagten wir. Er ist an beiden Beinen gelähmt, sagte Vater, und wahrscheinlich wird er nie wieder laufen können. Ich sah Heini an, aber Heini hatte die Augen zusammengekniffen und sah aus dem Fenster. Los, sagte Vater, nu geht,-und vergeßt ja nicht, daß ihr auch’n bißchen nett zu ihm seid-