Von Paul Hühnerfeld

Literatur kann man nicht "machen", genau so wenig wie man einen Dichter "machen" kann. Man kann Literatur auch nicht "ankurbeln" durch Lob, Prämien, finanzielle Unterstützungen. Dichtung ist da oder nicht da. Wenn sie nicht da ist, helfen keine Preise. Gedichtet wird weder auf Befehl noch für einen Scheck.

So gesehen ist der Mäzen eine tragikomische Gestalt, ein Literaturpreisausschreiben die böswillige oder törichte Verwirrung von Banausen. Daß die Geschichte der abendländischen Literatur trotzdem ohne Mäzene und Mäzenatentum anders verlaufen wäre, daß wir von großen Dichtern heute nichts wüßten, große Werke nicht geschrieben worden wären ohne Mäzene und ohne Mäzenatentum, wie ist das zu erklären? Etwa so, daß der echte Mäzen gar nicht die unsinnige Aufgabe hat, Dichtung zu "machen" oder "anzukurbeln" – sondern zu entdecken und das Entdeckte dann zu fördern?

Weil diese echte Aufgabe des Mäzens so oft übersehen, weil vergessen wurde, daß der Mäzen "Liebhaber" sein muß und nicht mitredender Literat, darum haftet heute allem Mäzenatentum leicht etwas anrüchig "Betriebsames" an. Weil sich hinter der Maske des Mäzens in der näheren Vergangenheit oft Kulturfunktionäre; mehr oder weniger smarte Geschäftsleute, ja sogar ein totalitärer Machtapparat des Staates verbargen, darum verlor die ausgesprochene Förderung oder Preisverleihung an einen Dichter (auch wenn sie ehrlich gemeint war) an Bedeutung.

Solcher Sachlage gegenüber ist der Kurzgeschichtenpreis der ZEIT entstanden, als Versuch eines Entdeckens, nicht als Mitschwimmen im Strom von fast hundertdeutschen Literaturpreisen. Nichts schien zur Entdeckung geeigneter als die Kurzgeschichte und der Kurzgeschichtenschriftsteller, der in Deutschland so oft vernachlässigt wird. Das literarische Ergebnis, das Gefundene also, wird in dieser und den folgenden acht Nummern-der ZEIT den Lesern vorgestellt – mögen sie entscheiden, ob das Suchen gelohnt hat.

Das Gefundene beträgt in der Quantität 16 Geschichten, so war es in den Bedingungen abgemacht. Heute kann man sagen: die 16 war eine gute Zahl; vielleicht noch ein Dutzend weitere eingesandte Geschichten waren kleinere Funde im echt mäzenatischen Sinne, der Rest aber ... Dieser Rest beträgt 2012 Arbeiten. Und so wenig sie für eine Veröffentlichung. in Frage – kommen – wenn auch ihren Verfassern Dank und Anerkennung für die Mühe nicht vorenthalten werden soll, – so sehr sind sie in einem unliterarischen Sinne allesamt auch Funde. Die moderne Kurzgeschichte ist ja enger als jede andere, literarische Form mit dem modernen Leben verknüpft: sie behandelt oft Themen, die der Novelle und Erzählung (vom Roman oder Drama ganz zu schweigen) zu alltäglich, zu banal scheinen. So steckt in 2000 Kurzgeschichten nicht nur ein Stück mißlungener Literatur, sondern ebenso ein Stück gelungener Soziologie. Wer zweitausend deutsche Kurzgeschichten liest, gewinnt Einblick in Gedanken und Gefühle, die dem Alltag des einzelnen die spezifische Farbe geben, ihn erhellen oder verdunkeln.

* Wie oft konnte man in letzter Zeit vor allem in ausländischen Zeitungen dies lesen: Die Deutschen hätten im Zuge ihres "Wirtschaftswunders" Krieg und wenig ehrenvolle, ja schuldbeladene Vergangenheit vergessen. Lassen wir die Berichterstatter mit ihrer fatalen Annahme über "Die Deutschen ..." glücklich werden –: bei dem einzelnen Deutschen jedenfalls stimmt sie nicht. Unter den 2000 Kurzgeschichten sind mehrere hundert, die sich mit dem Kriegserlebnis, dem Erleben des Nationalsozialismus und dem der deutschen Kriegsverbrechen auseinandersetzen – und zwar bei häufiger literarischer Unzulänglichkeit so, daß auch der kompromißloseste Re-education-Mann zufriedengestellt wäre. Boshafterweise könnte man sogar von einer Serie von "Wiedergutmachungsgeschichten" sprechen: sie handeln oft von der Judenverfolgung; der Standpunkt des Autors ist gekennzeichnet durch Scham, dabeigewesen zu sein und nichts dagegen getan zu haben. Sie erzählen von Geiselerschießungen im besetzten Ausland, wobei die Geiseln und Widerstandskämpfer für die deutschen Verfasser meist die Helden sind, ohne daß sich die Schreiber dabei als schlechte Deutsche prostituieren. Im Gegenteil: gerade weil sie sich als Deutsche fühlen, schämen sie sich dieser Dinge.