Ohne Karl Marx kein Lenin, keine russische Revolution und kein Sowjetsystem. Und umgekehrt: ohne Lenin, die russische Revolution und das Sowjetsystem wäre heute der Name Karl Marx nur den wenigsten noch ein Begriff. Auch Leopold Schwarzschild, der deutsche Publizist – bis 1933 in Berlin, bis 1940 in Paris, dann in New York – würde wohl kaum die letzten Jahre seines, Lebens an die Ausarbeitung eines Marx-Porträts

Leopold Schwarzschild: "Der rote Preuße, Leben und Legende von Karl Marx." (Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart, 469 S., Leinen 17,80 DM.) gewandt haben, wenn ihm nicht eine Frage auf den Nägeln gebrannt hätte: wie weit finden sich die Praktiken Lenins, Stalins und der Sowjets bereits bei Karl Marx vorgebildet?

Die reich dokumentierte – und, um es gleich vorwegzusagen: überzeugende – Antwort gibt dem posthumen Werk des "Tage-Buch"-Herausgebers einen Aktualitätswert, der über das Politische weit hinausgeht. Mit dieser Marx-Biographie sollten sich vielmehr gerade alle diejenigen befassen, die das Phänomen des Willens zur Macht aus der Nähe kennenlernen möchten und bisher vielleicht noch meinten, der "geistige Mensch" und der "Machtmensch" seien zwei von Grund auf verschiedene Typen.

In Marx war eine starke Kraft des Philosophierens – eine stärkere, offen gesagt, als in seinem Biographen, der in diesem Punkt viel Wichtiges übergeht; er war eine musische Natur, ein Schriftsteller von unvergleichlich würziger Behendigkeit der Diktion, ein Forscher von staunenswerter Arbeitsintensität und scharfem Blick für Zusammenhänge, die vor ihm keiner gesehen hatte. In seine Gedankenwelt einzudringen, gelingt nur in unablässiger Mühe; ihren Zusammenhang zu erfassen und zu interpretieren, gehört zu den heikelsten Aufgaben der Geschichtswissenschaft.

Über diese Dinge ist bei Schwarzschild nicht viel zu erfahren. Er hatte die Einseitigkeit eines Forschers, der ein bestimmtes einzelnes Phänomen entdeckt hat und getrieben wird, dieses und nichts anderes zu beschreiben. Aber dieses eine Phänomen hat Schwarzschild wirklich entdeckt, herauspräpariert und mit großer, fruchtbarer Präzision entwickelt: es ist das Phänomen der Verbindung von starkem, emphatischem Glauben und entschlossener Unredlichkeit in Karl Marx.

Was war das für ein Glaube? Es ist der Glaube daran, daß die Weltgeschichte dem Endzweck der vollen, ungebrochenen Realisierung des Menschentums (des "Humanismus", wie Marx sagt) in allen zukünftigen Individuen ohne Ausnahme zustrebt und daß der Augenblick dieser Realisierung "nahe herbeigekommen" ist. In aller bisherigen Geschichte, die also nur "Vorgeschichte" ist, wurde, wie es bei Marx heißt, der Mensch durch die ungleiche Verteilung der Produktionsmittel "seinem Wesen entfremdet". Die Industriegesellschaft hat diese "Selbstentfremdung" durch die Aufspaltung in Kapitalisten und Proletarier in die äußerste Krise getrieben, die zugleich das Vorzeichen der Erfüllung ist. Denn nun werden die "Proletarier", denen nichts bleibt als die Revolution, durch diese alle Ungleichheit "aufheben" und den Sinn der Menschheitsgeschichte ein für allemal realisieren.

Der Marxsche Glaube trägt offensichtlich die-Züge der christlichen Endzeithoffnung, er ist ein, Glaube an "letzte Dinge", eine Eschatologie, aber aus dem Transzendenten ins Irdische, rein Humane gewendet und darum auf Aktivierung angewiesen. Für diese pseudo-metaphysische Verankerung des Marxschen Denkens hat Leopold Schwarzschild das Organ gefehlt. Darum sah er nicht das Vermessene, das Prometheische und insofern Tragische an Marx (und seinen russischen Nachfolgern). Trotzdem ist es ihm gelungen, das: Entscheidende bei Marx zum ersten Male in voller Deutlichkeit zu sehen: die aus dem Gebot der Aktivierung jenes Glaubens folgende Rücksichtslosigkeit gegenüber den Werten der Humanität im praktischen Leben und gegenüber dem Wert der Wahrhaftigkeit in der Wissenschaft. Die Antwort auf solche radikale Leugnung eben der Werte, um derentwillen die Revolution geschehen, soll, kann keine andere sein als der Abscheu. Es ist nicht gerade ein Ruhmestitel für die bisherige Marxforschung, daß ihr die unleugbare Größe der Marxschen Konzeption den Blick für die Abscheulichkeit ihrer Konsequenzen (schon bei Marx selbst!) verstellt hat, und es wäre eine flache Kritik, die aus der Tatsache, daß Schwarzschild aus seinem Abscheu keinen Hehl macht, einen Einwand gegen die wissenschaftliche Zuverlässigkeit seiner Darstellung ableiten wollte.