Urbilder", so sagte der Freiburger Philosoph Wilhelm Szilasi in seinem Vortrag bei der sechsten Tagung "Kirche und Kunst" der Evangelischen Akademie Hamburg, "Urbilder sind Eindrücke des passiven Bewußtseins, die die Lebensvorgänge wohl noch intensiver und konstanter regeln als die bewußt-anschaulichen Eindrücke. Ihre Bildhaftigkeit ist aber sozusagen kein Fertigpro-Augen aussticht. Nur diese Bildhaftigkeit ermöglicht es, daß auch heutige Dichter an den großen Mythen der Griechen fortspinnen können.

Auch Wilhelm Szilasi wies die Auffassung Jungs ab, daß die mythischen Urbilder "der Niederschlag aller menschlichen Erfahrungen seien, welche seit Urzeit auf diesem Planeten vorgekommen sind". Er stellte ihr die umsichtigere Vermutung Schellings entgegen, der das "werdende Bewußtsein" als einen geschichtlichen Prozeß vom Passiv-Unbewußten zum Aktiv-Gestaltenden und also die Bilderwelt des menschlichen Geistes als eine Stufenfolge vom Urtümlichen bis zu immer höherer Klarheit beschrieb. Gerade die griechischen Mythen sind, wie Schadewaldt zeigte, von sehr hellem Bewußtsein geschaffen, das sich ja sogar – in der Bildfigur der Sirenen – der Möglichkeiten des Vergessens inne geworden ist.

Doch das Bild ist nicht nur, wie man hiernach meinen könnte, ein seelisches Phänomen, das allein der frei schaffenden Phantasie des Menschen entstammt. Es ist zugleich die Form dessen, was der Seele zu bewältigen aufgegeben ist: "Die Urbilder des Denkens", sagte Szilasi, "bezeichnen die Naturstelle, in der der Mensch wohnt und erhellen damit auch die Stellung des Menschen in der Welt. Sie sind Weltbilder."

Von hier aus ergab sich der Einblick in die religiöse Funktion des Bildes, vor allem auch des-, jenigen, das die "bildende Kunst" erschafft. Daß man einmal über die Zulässigkeit von Bildern in Kirchen blutige Kämpfe ausgefochten hat, mag vielen heute als Torheit erscheinen. In Wirklichkeit ist es ein Zeichen für die stärkere Beziehung jener-Zeiten zum Ursprung des menschlichen Denkens.

Wir fangen an, diese Beziehung zurückzugewinnen. Dafür mag denn sogar die neuere Form der "Bilderstürmerei", nämlich die Empörung über die sogenannte "moderne Malerei", als bezeichnend gelten. Denn wo ein Mensch sich vor einem Bilde erregt, ist er der Wahrheit vielleicht näher als dort, wo er ein Bild als Zutat des Lebens unerschüttert hinnimmt. Christian E. Lewalter.