Am 28. Oktober begann in Genf die offiziell "neunte Sitzung" genannte Konferenz, der 34 am GATT (General Agreement on Trade and Tariffs) beteiligten Länder – jene Konferenz, von der der gegenwärtige Präsident Lana D. Wilgres (Kanada) in seiner Eröffnungsansprache erklärte, daß sie von "historischer" Bedeutung sein würde, weil jeder weitere Fortschritt in Richtung auf ein wirksames System des multilateralen Handels- und Zahlungsverkehrs von ihr abhinge.

Das sind große Worte, zu denen man nur sagen kann, daß sie,– leider – richtig sind. Man konnte ohne große Mühe vor dieser Konferenz feststellen, daß sich nur wenige – vor; allem europäische – Länder tatsächlich über die Aufgabe klargeworden waren, die auf dieser Konferenz gestellt ist, hatte man sich doch zu sehr daran gewöhnt, vom GATT eigentlich nur den reinen zollpolitischen Teil zu sehen. Das GATT war jedoch von Anfang an auf sehr viel mehr abgestellt worden. Und wenn dieses "sehr viel mehr" in den vergangenen Jahren weniger in Erscheinung trat, so lag. das an den äußeren Umständen, die sich im Verlaufe der sieben Jahre seiner Existenz sehr erheblich gewandelt haben.

Als man 1947 in Genf zusammengekommen war, um eine gewisse zollpolitische Ordnung zu schaffen, war dies nur ein Teil einer internationalen Handelsordnung, deren weitaus größerer Teil in Havannah mit dem Ziel einer weltweiten "Internationalen Handelsordnung (ITO) diskutiert wurde. Da man in Genf aber offensichtlich realistischer war als in Havannah und nicht auf die dortige Einigung warten konnte, wurden Bestandteile jener in Havannah theoretisch akzeptierten internationalen Handelsregeln gewissermaßen "vorweggenommen" und zusammen mit den getroffenen zollpolitischen Vereinbarungen, in jenem Allgemeinen Abkommen" vereinigt – im der Annahme, daß der "handelspolitische" Teil früher oder später durch die Havannah-Charea abgelöst werden würde.

Zu dieser Ablösung ist es nie gekommen. So entstand das Kuriosum, daß ein ins Grunde nur auf zollpolitische Fragen abgestelltes. Abkommen nicht nur solche Prinzipien enthielt, die eigentlich zu einer internationalen Handelsordnung gehören, sondern daß dieses Abkommen am der einzige Versuch blieb, jene Prinzipien in der Wirklichkeit durchzusetzen.

Seitdem sind sieben Jahre vergangen, in deren Verlauf das GATT zwar die beachtliche Zahl von 55 000 Zolltarifen "gebunden" hat, sein: wesentliche Bedeutung jedoch in zunehmendem Maße von der "Grundsatzseite" her erhielt. Eine immer größer werdende Zahl sogenannter "Beschwerdeßälle", die sich kaum auf Tariffragen, dafür um so mehr auf solche der Diskriminierungen und ähnlich wirkender Handelsrestriktionen bezogen, wurden dem GATT als Diskussions- und Schlichtungsstelle vorgetragen, worin die wachsende Bedeutung der Existenz internationaler Handelsregeln nicht weniger zum Ausdruck kam als die sich durchsetzende Autorität einer entsprechenden internationalen Vereinbarung.

Im Zuge der gleichen Entwicklung hat die freie Welt einiges gelernt. Sie hat gelernt, daß man zum Wettbewerb zurück muß, wenn man lebensfähige Nationalwirtschaften haben will. Sie hat erfahren, daß der heilsamere und wirksamere Weg zur Beseitigung des fehlenden Außenhandelsgleichgewichts nicht in der Drosselung der Importe, sondern in der Förderung der Importe besteht. Sie hat erkannt, daß sich die Diskriminierungen nicht nur gegen das diskriminierte, sondern auch – und nicht zuletzt – gegen das dikriminierende Land selbst richten. Und sie hat schließlich die Lehre gezogen, daß man auch die Arbeitslosigkeit mit anderen Mitteln als denen des Außenhandels beseitigen kann.

Dazu kam in der gleichen Zeit die "monetäre" Erfahrung, die bestätigte, daß für einen freien multilateralen Zahlungsverkehr (was mit "freier Währungskonvertibilität" gemeint ist) die inneren Voraussetzungen geordneter finanzieller Verhältnisse entscheidender sind als die administrativen Abschirmungen. Die Wiederherstellung der inneren finanziellen Stabilität, die daraus resultierende Stärkung der nationalen Wirtschaften mit entsprechendem Anwachsen der Währungsreserven und der fortlaufende Abbau "devisenpolitischer" Maßnahmen haben dazu geführt, daß eine immer größer werdende Zahl von Ländern praktisch "am Vorabend der Konvertibilität" stehen.